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Lamya Kaddor und Rabeya Müller: Der Islam - Für Kinder und Erwachsene PDF Drucken E-Mail

von Helga Walter-Joswig

Die beiden Autorinnen sind uns schon mit Werken aus diesem Verlag vertraut. Lamya Kaddor schrieb zusammen mit Rabeya Müller den ersten „Koran für Kinder und Erwachsene“, 2008 erschienen. Lamya Kaddor schrieb das Buch „Muslimisch – weiblich – deutsch! – Mein Weg zu einem zeitgenössischen Islam“ aus dem Jahre 2010 mit ihren Erfahrungen als muslimische Frau in Deutschland. – Lamya Kaddor ist Islamwissenschaftlerin und in der Religionspädagogik bekannt. Ihre Mitautorin, Rabeya Müller, ist islamische Theologin und ebenfalls Religionspädagogin. Mit vorliegendem Werk möchten die beiden Musliminnen einem interessierten Lesepublikum – aus vielen Alters- und Bildungsstufen - in ihrer eigenen Sichtweise den Islam nahebringen, wobei sie brisante Themen nicht aussparen.

Das überaus komplexe Thema ist in elf Kapitel strukturiert. Es beginnt mit „Viele Namen, ein Gott“, eine Vorstellung Gottes - Schöpfer in vielen Religionen - und seinen 99 Namen im Islam. Es folgen die „Fünf Säulen des Islam“, das sind die Pflichten, denen sich jeder Muslim unterwerfen muss. Die Autorinnen stellen sie im Einzelnen vor: 1. das Glaubenszeugnis, 2. das Gebet, zu welchem der Ablauf illustriert ist. Dazu gehört als wichtige Prämisse die Gebetswaschung, denn jeder Gläubige muss vor dem Gebet rein sein, was ebenso bildlich erläutert ist, 3. das Fasten im Ramadan mit genauer Beschreibung des Alltagslebens in dieser Zeit, 4. die Pflichtabgabe, die den Armen und Bedürftigen, den Verschuldeten oder Reisenden zugute kommen soll. Schließlich ist die fünfte Säule die Pilgerfahrt nach Mekka, mit Erklärungen zu Kleidung und Verhaltenweise bei den vorgeschriebenen Riten.

Mit „Allahu akbar“ ist das dritte Kapitel „ Die Moschee, das Haus der Gemeinde“ überschrieben. Wir erfahren, was zu einer Moschee gehört und die Geschichte von Moscheen und Gebetshäusern in Deutschland. Des weiteren den Imam als Gemeindevorsteher und einen Diskurs zur Frage ‚Frauen als Imame?’ Was lernen Schüler in den Koranschulen? Die Autorinnen plädieren für die deutsche Sprache im Koranunterricht, da viele junge Muslime inzwischen das Deutsche besser beherrschten als ihre Herkunftssprache.

Das wichtige vierte Kapitel nennt sich „Der Koran, das Wort Gottes – ‚das Buch, an dem kein Zweifel besteht’“ mit den Untertiteln ‚Gott spricht selbst’ durch die Offenbarung an Muhammad. ‚Suren und Verse’ zeigen die Gliederung des heiligen Buches, ‚Gebote und Verbote’ sowie die ‚Speisegesetze’. Große Diskussionen gibt es in Deutschland zum ‚Schächten’, das im geltenden Tierschutzgesetz verboten ist. Es folgt die Rubrik ‚Den Koran verstehen’ mit Erläuterung der Begriffe ‚Auslegung’ und ‚Interpretation von zentralen Aussagen’. Weiters werden das Alkoholverbot, die Theologischen Schulen mit ihren divergierenden Denkrichtungen angesprochen. Die Autorinnen stellen anschließend im fünften Kapitel „Die Scharia, das islamische Recht“ die verschiedenen Rechtsschulen vor und wir erfahren Näheres zu den angeschnittenen Fragen ‚Harte Strafen?’ und ‚Was ist eine Fatwa?’

Ein längeres, den theoretischen Teil der Religion des Islam abschließendes Kapitel ist dem Propheten gewidmet „Muhammad, der Gesandte Gottes“. Es werden seine Lebensgeschichte und die Überlieferung seiner Worte und Taten behandelt sowie die große Spaltung des Islam in Sunna und Schi’a nach dem Tode des vierten Kalifen Ali.

Das folgende Kapitel gibt einen Einblick in das Zusammenleben von Frauen und Männern in Ehe und Familie. Die Autorinnen prangern Auswüchse in Form von Zwangsheirat und Ehrenmord an. Hier finden wir auch Erklärungen zum Tragen des Kopftuchs als äußeres Zeichen muslimischer Frauen in der Öffentlichkeit. Im nächsten Abschnitt „Tradition und Kunst“ werden die Themen ‚Glaube und Wissenschaft’, ‚Der böse Blick’, ‚Musik und Tanz’ und ‚Verbotene Bilder?’ vorgestellt. Im 9. Kapitel „Der Islam und die Anderen“ belegen die Autorinnen, dass es auch im Islam eine Periode der Aufklärung wie in den westlichen Staaten gegeben hat und dass der Islam sehr wohl den Begriff ‚Toleranz’ kennt und achtet. Es wird allerdings Respekt vor den anderen Gläubigen gefordert. Damit sind Besitzer eines heiligen Buches gemeint, wie Juden und Christen. Die beiden letzten und politischen Abschnitte der Abhandlung sind u.a. der Islamkritik mit dem Phänomen ‚Meinungsmache’ gewidmet sowie der islamischen Vielfalt in Deutschland. Eine Landkarte vermittelt die Ausbreitung des Islam weltweit. In diesem Zusammenhang werden die verschiedenen Baustile der Sakralarchitektur anhand bedeutender Moscheen vorgestellt. –

Das Nachwort im Anhang wirft einen Blick auf das sogenannte ‚Bilderverbot’ und ‚Islamische Medien in Deutschland’ mit Fernsehen, Rundfunk und den Angeboten des Internet. Literaturhinweise, ein Register und ein Verzeichnis der angesprochenen Koranstellen beschließen das Buch.

Wunderschön sind die originellen Zeichnungen der Kulturillustratorin Alexandra Klobouk, einer Meisterschülerin an der Kunstschule Berlin-Weißensee. Den Buchumschlag in ansprechender Farbkomposition zieren Bauwerke aus dem muslimischen Kulturkreis, hübsch ineinandergeschachtelt. Die vielen ideenreichen Illustrationen, künstlerisch gestaltet in Braun- und Gelbtönen, im Innern des gebundenen und mit einem Lesebändchen versehenen Buchs, veranschaulichen den Text. Dieser ist mit einer Fülle an Themen sehr verständlich geschrieben und mit beredten Beispielen belegt. Dem tut eine Unstimmigkeit auf Seite 51 keinen Abbruch: Die Erklärung zur Vokalisierung ist nicht ganz korrekt, denn es gibt im Gegensatz zu den Zeichen für Vokale, die wegfallen können, diakritische Zeichen. Diese gehören zu bestimmten Konsonanten und sind zur Unterscheidung unabdingbar. Außerdem sind die Bezeichnungen für ‚Haus’ und ‚Mädchen’ unter den arabischen Worten vertauscht.

Das Ziel des Werkes, eine – auch innerislamische – Diskussion anzuregen, verfolgen die Autorinnen mit großem Engagement. Sie haben zum einen selbstkritisch Dinge aus dem Islam angesprochen, fordern andererseits aber „auch eine differenzierte Sichtweise von nicht-muslimischer Seite“. – Dem interessanten, informativen Buch, lange ein Desiderat, sollte eine weite Verbreitung beschieden sein.

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erklärt von Lamya Kaddor und Rabeya Müller
illustriert von Alexandra Klobouk

Verlag C. H. Beck, München 2012
176 Seiten, Halbleinen € 19.95
ISBN 978-3-406-64016-2

 
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© DAG am Freitag, 28. April 2017
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