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Wir leben immer zwischen zwei Attentaten PDF Drucken E-Mail

29.10.2012 · Der Schriftsteller Jabbour Douaihy ist einer der bekanntesten Intellektuellen des Libanon. Im F.A.S.-Interview spricht er über die drohende Ausweitung des syrischen Bürgerkrieges auf sein Land.

Der Schriftsteller und Literaturprofessor Jabbour Douaihy zählt zu den bedeutendsten Intellektuellen des Libanon. Er will die Gewalt, die dieses Land immer wieder erschüttert, mit literarischen Mitteln ergründen. Jahrzehntelang war seine Familie in eine Blutfehde verwickelt, der in den fünfziger Jahren an einem einzigen Tag zwanzig Menschen zum Opfer fielen. Die Ereignisse von damals hat Douaihy in seinem Roman „Morgen des Zorns“ verarbeitet. Per Mail gibt er mir seine Handynummer, nennt eine Uhrzeit und sagt, er freue sich auf das Gespräch. Als er abnimmt, hört man vor allem lautes Rauschen.

Herr Douaihy, wo erreiche ich Sie gerade?
Ich sitze im Auto und bin gerade erst aus Beirut rausgefahren. Tut mir leid, es war Stau.
Wie ist die Lage dort? Nach der Trauerfeier für den ermordete Geheimdienstchef al Hassan wirkte es, als stünde der Libanon wieder vor einem Bürgerkrieg.
Die Situation ist angespannt. Es liegt etwas in der Luft, das nicht gut ist, jeder spürt das. Es sind mehr Soldaten in der Stadt als sonst, und manchmal hört man Schüsse. Aber die Leute im Libanon hatten oft genug Gelegenheit, um sich an solche Situationen zu gewöhnen. Wenn es ein Attentat gegeben hat, dann wissen wir, dass es auch ein nächstes geben wird. Wir leben immer zwischen zwei Attentaten. Das ist schließlich Beirut.
Die Leute haben keine Angst?
Vielleicht schon. Trotzdem geht das Leben seinen Gang. Die Läden und Straßen der Stadt sind voll, die Restaurants auch. In Beirut feiert man das Leben, denn man weiß ja nie, wie lange es noch dauert.
Man sagt, die syrische Regierung stecke hinter dem Attentat.
Vor allem die Leute, die den Kampf der syrischen Rebellen gegen Assad unterstützten, glauben daran. Der Libanon war unter syrischer Besatzung, erst 2005 haben wir uns befreit. Manche Leute sehen eine Ähnlichkeit zwischen dem Aufstand gegen Assad und der damaligen libanesischen Befreiungsbewegung. Die Hizbullah ist natürlich anderer Meinung.
Sie unterstützt ja auch Assad.
Ja, sie schickt Waffen und Kämpfer nach Syrien.
Und was glauben Sie?
Na ja, es wäre nicht das erste Attentat, das unser Nachbar hier verübt, und sicherlich wird es auch nicht das letzte sein. Syrien mischt sich seit dreißig Jahren in libanesische Angelegenheiten ein. Das Regime kennt dabei nur ein Mittel, und das sind Bombenattentate. Gegner werden nicht überzeugt, sondern eliminiert. Und da es im Libanon ziemlich viele Gegner der syrischen Regierung gibt, wird es auch noch weitere Attentate geben. Glauben Sie mir, Syrien hat hier echt viel zu tun, und ich fürchte, dass das Regime keine Scheu haben wird, dem nachzugehen. Dabei sollte man meinen, Assad habe gerade genügend andere Probleme.
Wie viele Morde gehen schon auf sein Konto?
Seit dem Mord an Rafik Hariri 2005, dessen Sicherheitschef der jetzt ermordete al Hassan ja war, sollen etwa zwanzig Persönlichkeiten von Handlangern des Regimes ermordet worden sein.
Kurz bevor es Hariri traf, hatte er sein Amt als Ministerpräsident niedergelegt, aus Protest gegen die Einflussnahme des Nachbarlandes.
Ja, und dann haben Sie ihn mit einer Bombe an seinem Fahrzeug hochgehen lassen. Ein ähnliches Vorgehen wie jetzt bei al Hassan.
Ich habe gehört, Sie sitzen oft in den Beiruter Kaffeehäusern. Haben Sie das in den vergangenen Tagen auch gemacht?
Aber ja, natürlich.
Worüber wird dort im Moment geredet?
Über Politik. Aber man muss aufpassen, mit wem. Bei Leuten, die anderer Meinung sind, sollte man es im Augenblick nicht übertreiben mit dem Diskutieren. Alle sind nervös. Aber meistens sitzt man ja sowieso nur mit Leuten der eigenen Seite rum.
Und worüber haben Sie mit denen diskutiert?
Wir überlegen immer, wie man diese Regierung politisch in die Knie zwingen könnte. Es gibt so viele Probleme hier. Das größte ist die Hizbullah und ihre Waffen. Sie ist wie ein Staat im Staate. Sie behauptet immer noch von sich, der Widerstand gegen die israelischen Besatzer zu sein. Doch die Israelis sind längst weg, nur die Hizbullah ist noch da. Wissen Sie, die anderen Gruppierungen haben nicht solche Waffen. Die Christen etwa haben gar keine, um ihren Standpunkt durchzusetzen. Sie können sich nur an die Regierung halten, was man niemandem raten will. Das alles ist ein bisschen kompliziert, aber im Großen und Ganzen ist es das.
Wohin fahren Sie eigentlich gerade?
Nach Tripoli, und von dort aus nach Zgharta, den Ort meiner Kindheit, über den ich auch in meinem Roman schreibe. Der Libanon ist winzig, von Beirut nach Tripoli sind es nur etwa achtzig Kilometer, und von Tripoli nach Zgharta nur ein paar Minuten.
Sie unterrichten französische Literatur an der Universität von Tripoli. In der Stadt soll derzeit ein Stellvertreterkrieg ausgetragen werden zwischen einem sunnitischen Viertel und einem Stadtteil, in dem vor allem Alawiten wohnen, also Mitgliedern der schiitischen Glaubensrichtung, der auch Assad und ein Großteil seines Regimes angehören. Es soll Straßenbarrieren geben, auf Dächern Scharfschützen. Mehrere Menschen sind getötet worden. Sagen Sie jetzt nicht, dass trotzdem Vorlesungen stattfinden.
Der Campus ist in der Nähe dieser Viertel. Wenn die Schießereien zu heftig werden, fällt die Vorlesung natürlich aus. Aber am Montag werden wir wieder ganz normal weitermachen. In den vergangenen Tagen hat sich die Lage beruhigt.
Geht es um Religion?
Nein, damit hat das nichts zu tun. Religiöse Interessen kommen vielleicht hinzu, aber sie sind nicht der Auslöser. Wie so oft im Libanon ist auch dieser Konflikt ein sehr alter. Die beiden Stadtteile streiten sich eigentlich schon seit dreißig Jahren. Und immer, wenn es irgendwelche Vorfälle gibt, wie jetzt die Rebellion in Syrien, dann heizt sich das wieder auf. Es geht hier um Familienclans. Was hier betrieben wird, ist politischer Tribalismus. Im Libanon geht es immer um Gruppensolidarität.
In Ihrem Roman mündet sie in eine Blutfehde. Die Gewalt nimmt solche Ausmaße an, dass das Militär einschreitet.
In gewisser Weise sind die Ereignisse im Roman ein Miniaturbild dessen, was jetzt in Tripoli passiert. Die dahinterstehende Logik ist die gleiche. In meinem Roman sind die Akteure christliche Familien, bei den Ereignissen jetzt sind auch schiitische und sunnitische beteiligt. Was damals passierte, war wie eine Art Vorpremiere für den später einsetzenden Bürgerkrieg. Bis heute sind dessen Auswirkungen in Form der anhaltenden Instabilität im Land spürbar.
Könnte Ähnliches auch in Beirut passieren, wenn die Lage dort weiterhin angespannt bleibt? Oder lassen sich die Stadtteile dort weniger klar zuordnen?
Während des Bürgerkrieges war das dort sogar extrem. Danach haben sich die Dinge verändert. Es gilt aber immer noch als schlecht, wenn man nicht in demselben Viertel lebt wie sein Clan. Die meisten Viertel werden inzwischen von Muslimen dominiert.
Wie ist jenes, in dem Sie leben?
In meinem leben vor allem Christen. Ich bin Christ.
Hat sich die Stimmung zwischen den Vierteln nach dem Attentat verändert?
Nein. Allen war klar, dass der Anschlag auf das Konto der Syrer geht. Da es in Beirut keinen syrischen Stadtteil gibt, kann man sich überall frei bewegen. Es reicht, wenn die unsere Nachbarn sind.
Sie beschreiben die libanesische Gesellschaft als äußerst machistisch. Die Männer gieren nach ausländischen Waffen und verehren diese mehr als die Heiligen in der Kirche. Ist das noch immer so?
Ich wüsste nicht, warum sich das geändert haben sollte. Aber auch die Frauen tragen eine Verantwortung bei der Kriegstreiberei. Sie teilen die Ehrbegriffe der Männer.
Auch noch heute?
In Beirut mag das anders sein. Dort sind die Frauen freier. Aber dort, wo starke tribale Strukturen herrschen, ist die Gruppe in einem Kollektivverhalten gefangen. Alle sitzen in einem Boot, und der Kapitän ist natürlich ein Mann.
Das klingt ausweglos.
Leider ist es so. Nicht nur der Libanon, sondern der gesamte Nahe Osten krankt daran. Man streitet sich um Dinge, um die es sich nicht lohnt zu streiten. Um Probleme mit einem anderen Familienclan zum Beispiel. Das sind meiner Meinung nach falsche Probleme, dennoch werden ihretwegen Kriege geführt. Denn bei Auseinandersetzungen mit jemandem aus einem anderen Familienclan kann man den Feind nicht so einfach aus dem Weg räumen, da jeder Clan sehr viele Mitglieder hat. Also begnügt man sich damit, sich gegenseitig auf die Rübe zu hauen. Das geht eine Weile so, irgendwann setzt man sich an den Verhandlungstisch und redet, doch weil sich der andere auch so nicht beseitigen lässt, bricht man die Verhandlung ab. Alles geht von vorne los. Wieder haut man sich gegenseitig auf die Rübe, wieder wird verhandelt. Es findet kein Ende. Voilà.
Wie ermüdend.
Während des Bürgerkrieges war es in Beirut ähnlich wie in den fünfziger Jahren in meinem Heimatort Zgharta: Es gab eine Demarkationslinie, die man nicht überschreiten durfte. Man sagte, dass der andere teuflisch sei, beschimpfte sich lauthals und schoss aufeinander.
Und wie ist es heute in Zgharta?
Ruhig. Aber man geht immer noch nicht ins Viertel der anderen Familie. Untereinander geheiratet wird eigentlich auch nicht.
Viele Libanesen wandern aus. Sie haben nie daran gedacht?
Ich war zwei Jahre in Frankreich. Damals war ich noch verheiratet. Als meine Frau schwanger wurde, sind wir zurück, weil das Leben dort für uns zu teuer war.
Und wenn es wieder Krieg gibt?
Ich werde trotzdem bleiben. Wissen Sie, ich reise viel, da erhole ich mich immer von dem Stress in meinem Land. Ich bin jetzt übrigens in Zgharta angekommen.
Was für ein Auto fahren Sie überhaupt? In Ihrem Roman wirkt es, als hätten im Libanon alle Leute einen Mercedes.
Sie werden lachen, ich sitze tatsächlich in einem Mercedes. Die Leute hier lieben dieses Auto. Ich sagte Ihnen vorhin doch, dass ich in Beirut im Stau stand. Es ist so viel los, weil die Muslime gerade ihr Opferfest feiern. Hier in Zgharta, wo vor allem Christen leben, ist normaler Verkehr. Stau gibt es bei uns nur an Weihnachten. So ist das eben im Libanon.
Das Gespräch führte Karen Krüger
Jabbour Douaihy: „Morgen des Zorns“. Aus dem Arabischen übersetzt von Larissa Bender. Hanser, 340 Seiten, 24,90 Euro.

Den vollständigen Artikel finden Sie hier.

 
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