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Berlinale: Friedensfilmpreis für Nahostkonflikt-Film PDF Drucken E-Mail

Der Friedensfilmpreis der Berlinale 2013 geht an den dänisch-palästinensischen Film „A World Not Ours“ von Mahdi Fleifel. Die Prämierung des Films löste einen politischen Skandal aus, weil Fleifel in seinem Film die Vertreibung der Palästinenser mit dem Holocaust vergleicht. Kritiker werfen dem Regisseur vor, er spiele Israels Existenzrecht gegen das Rückkehrrecht der Palästinenser aus.

Töns Wiethücher

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Bekanntlich ist der Tod ein Meister aus Deutschland. Und wer im Land der Meister oder zumindest ihrer Kinder und Kindeskinder die damaligen Opfer als Täter bezeichnet, der bricht mit einem Tabu. Denn die Gräueltaten Deutschlands im Zweiten Weltkrieg sind nicht einfach Geschichte. Die schamvolle Erinnerung an die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden ist integraler Bestandteil mindestens der deutschen Identität, wenn nicht gar der europäischen.

Nicht so für den 33-jährigen Träger des diesjährigen Friedensfilmpreises Mahdi Fleifel. Er ist kein Deutscher. Aber er hat die meiste Zeit seines Lebens in Europa verbracht. Er wurde in Dubai geboren, verbrachte seine frühe Kindheit im Flüchtlingscamp Ain El-Helweh im Südlibanon und zog mit neuen Jahren nach Dänemark. Heute lebt er in London und muss wissen, was er tut. Und er bestreitet es auch gar nicht. Ihm geht es um eine andere Erinnerung, die Erinnerung an die nach Schätzungen der Vereinten Nationen über 700.000 palästinensischen Flüchtlinge, die 1948 aus ihrer Heimat vertrieben wurden.

Eines Tages „werden die Alten sterben und die Jungen vergessen", zitiert der Film an zwei Stellen den ersten Präsidenten Israels, David Ben-Gurion. Mahdi Fleifels Film A world not ours ist eine Art Gegenprojekt. “

"Den Film zu machen war ein Weg, das herauszufordern. Vergessen heißt für uns Palästinenser einfach, aufzuhören zu existieren. Unser Kampf (...) ist, sichtbar zu bleiben. Mit meinem Film untermauere und stärke ich unsere kollektive Erinnerung",

definiert Mahdi Fleifel in einem Interview das Anliegen seines Films. Ben-Gurions Zitat stammt aus dem Jahr 1948. Der Staat Israel wurde gegründet, um den Juden aus aller Welt den Schutz eines eigenen Staates zu ermöglichen. Dafür mussten Menschen weichen. Sie wurden aus ihrer Heimat vertrieben, sie mussten ihre Häuser verlassen und sind seitdem Flüchtlinge. Viele von ihnen sind staaten- und heimatlos und ohne Rechte, wie der Regisseur betont. Sein Film möchte ein Licht auf die Rechtlosigkeit und die tragische Existenz der Vertriebenen und ihrer Nachkommen werfen.

Das Flüchtlingslager Ain El-Helweh, der Hauptdrehort seiner Dokumentation, liegt im Süden Libanons und wurde 1948 gegründet, um den Vertriebenen Schutz zu bieten. Heute leben in dem Lager ungefähr 70.000 Menschen dichtgedrängt auf einem Quadratkilometer. Es ist eng, laut und gefährlich, wie der Film zeigt. Anfangs noch aus Zelten bestehend entwickelte sich das Lager zu einer Stadt, in der die Heimatlosen ihre Heimat finden mussten. Es blieb aber ein Ort des Übergangs, des Rückkehrwunsches und des Hasses auf Israel. Ein Ort, der nicht sein darf und doch existiert. Seine Bewohner werden vergessen, sind aber dennoch da.

Mahdi Fleifels A World Not Ours dokumentiert auf einzigartige Weise das Leben in dem Camp der Heimatlosen. Dabei porträtiert der Dokumentarfilm drei Generationen im Exil, vertreten durch drei Menschen, die dem Filmemacher besonders nahe stehen: sein Großvater Abu Osama, sein Onkel Said und vor allem sein Freund Abu Eyad, der bei der Preisverleihung anwesend war und mit großem Applaus gefeiert wurde. Für seinen Film konnte er auf alte Aufnahmen seines Vaters zurückgreifen, der schon früh vom Filmen besessen war. Zufällig entdeckte er die Bänder und beschloss, einen Film über das Leben und den Alltag in Ain El-Helweh zu machen. Ein echter Glücksfall, wie sich herausstellte. Denn dem Regisseur ist ein sehr persönlicher und wichtiger Film gelungen, der zu einer Studie über den Wert der Freundschaft und Familie geworden ist. Die Aufnahmen sind distanzlos und bilden den deprimierenden Alltag im Camp ab. Männer, die versuchen über die Runden zu kommen, Männer, die mit Waffen posieren und vom Kampf gegen Israel träumen. Onkel Said, der Aluminium sammelt und vertickt, sich ansonsten aber nur um seine Tauben kümmert. Sein Großvater, der nie aufgehört hat, von seiner Heimat zu träumen. Und Abu Eyad, sein Freund, der das Leben im Camp satt hat, im Büro der Fatah kiffend mit Freunden abhängt, durch die engen Gassen auf seinem Moped jagt.

Gerade das Portrait seines Freundes befreit diesen Film von allen Klischees und aller Schwarz-Weiß-Malerei. Wir lernen einen desillusionierten und müden Mann kennen, dem der Ort zum Gefängnis seines Lebens geworden ist. Selbst die Magie der Fußballweltmeisterschaft ist ihm abhandengekommen. Er sitzt in der Falle und beide Freunde wissen es. Er ist im Film der Einzige, der sich der Lüge der Exilanten bewusst ist. „Ich will nicht zurück nach Palästina", sagt er, während die Kinder in den Gassen Krieg spielen und Jugendliche mit Waffen posieren. Doch geblieben ist ihnen nur die Pose eines alten Stolzes. „Ich will auf eine Mission gehen und mich in die Luft sprengen", spricht Abu Eyad in die Kamera. Das Selbstmordattentat als Ausweg aus der Tatenlosigkeit und des stumpfsinnigen Rumhängens.

Das Manko an dem Film: Frauen und ihrer Rolle in der palästinensischen (Exil-)Gesellschaft kommen so gut wie gar nicht in der von Fleifel gezeigten nahöstlichen Realität vor. Dass der Film humorvoll und witzig sei, ist ein Missverständnis. Da mag der Kommentar des Filmemachers aus dem Off noch so lustig klingen, so als würde er in einer Kindersendung etwas erklären. Auch sind die alten Aufnahmen aus der Kindheit unfreiwillig komisch. Doch eigentlich ist es deprimierend.

Die Männer haben nichts. Es umgibt sie eine Scham. Allein schon der Gedanke daran, mit Frauen zu sprechen, ist für sie furchtbar", beschreibt Mahdi Fleifel die Gefühlslage der Männer und die um sich greifende Impotenz. All das wirkt unpolitisch, ist es aber nicht. Wer einen Film über ein palästinensisches Flüchtlingscamp dreht, weiß, dass noch das Privateste politisch ist.

Mahdi Fleifel spielt die Erinnerungen bewusst gegeneinander aus: Auf der einen Seite die institutionalisierte Erinnerung an den Holocaust in Yad Vashem. Auf der anderen Seite die Bilder brutaler Armeesoldaten, die mit einem faustgroßen Stein den Arm eines Palästinenser durch gezielte und wiederholte Schläge brechen. Auf die Szene angesprochen, erzählt der Regisseur, wie er als Jugendlicher von Dänemark aus an einem Austauschprogramm teilnahm und die Holocaust-Gedenkstätte besuchte.

"Als ich meine Mitschüler sah, wie sie im Museum wegen der grausigen Erfahrungen weinten, fühlte ich, dass auch ich dieselben Gefühle haben sollte und in der Lage sein sollte, über die Tragödie zu weinen. Aber ich konnte es nicht. Ich konnte es nicht, weil da etwas anderes war, was mich zurückhielt. Es war ein Bild, das ich sah, bevor ich neun Jahre alt war und nach Dänemark zog und all die Geschichten (über den Holocaust, d. Red.) las. (...) Dieser Horror, der passiert war, ist Jahrzehnte her. Aber nun dreht es sich im Kreis. Es hat nicht aufgehört. Die Opfer sind nun die Schikaneure."
 

Den Holocaust mit der Vertreibung der Palästinenser auf eine Stufe zu stellen, ist eine gezielte Provokation, die nicht unwidersprochen blieb. „Was heute passiert ist nicht dasselbe, wie damals", so Jurymitglied und Vizepräsident des Internationalen Ausschwitz Komitees Christoph Heubner. Auch Rosa von Praunheim, der die Laudatio auf den Preisträger hielt, aber die Veranstaltung früh verließ, sprach von der Einseitigkeit des Films. Er zeige in keiner Weise die andere, die israelische Seite. Und damit hatte er Recht. Aber der Film muss einseitig sein. Weil er die vergessene Seite hinter den Checkpoints der Libanesen zeigen will. Er zeigt einen gesellschaftlichen Mikrokosmos, Menschen wie zusammengedrückt auf einem Quadratkilometer. Menschen, die warten, Menschen, die kiffen, Menschen, die einmal stolz gewesen sein mögen und die Reste des Stolzes in Posen verbergen.
 

Wenn das Einklagen eines Rückkehrrechts das Existenzrecht Israels ausschließt, dann ist dieser Film anti-israelisch.

Ich wünschte, ich könnte das Recht einklagen, nach Hause zu gehen und eine Familie zu gründen. Rechte zu haben, wie jeder andere auch. Aber die Wirklichkeit ist: Es ist Israel", benennt Abu Eyad das politische und persönliche Dilemma seiner Situation.

Man kann daraus eine Anerkennung der Tatsachen lesen, aber auch eine anti-israelische Haltung. Nach Ansicht der Jury ist der Film „ein Plädoyer für einen neuen Friedensprozess im Nahen Osten" und der Regisseur scheint das zum Ende noch einmal zu betätigen. „Wir sollten irgendwo anfangen. Und irgendwo sollte im Libanon sein."
 

Den vollständigen Artikel finden Sie hier.

 
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© DAG am Samstag, 19. August 2017
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