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Eine Geschichte der arabischen Lyrik PDF Drucken E-Mail

Die verschüttete Moderne
 

Der Autor versteht es zu irritieren. Wenn Adonis von einer «arabischen Moderne im Mittelalter» spricht und seine Gewährsleute in Baschar Ibn Burd (gest. 784) und Abu Nuwas (gest. 811) findet, konterkariert er damit die im Westen bis heute verbreitete Vorstellung, die arabisch-islamische Kultur sei, da ihr Reformation und Aufklärung fehlen, in ihren lähmenden Traditionen auf ewig gefangen und darum zur Moderne grundsätzlich unfähig. Von solchen Argumenten will der 1930 an der syrischen Mittelmeerküste geborene Dichter, der seit Jahren als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt wird, nichts wissen. Stattdessen entwirft er in seinen kulturkritischen Essays originelle Alternativen zur herkömmlichen Gegenüberstellung von westlicher Moderne und orientalischer Rückständigkeit.

Der Koran als Herausforderung
Die arabische Kultur war, betont Adonis in seinen Vorlesungen zur «Einführung in die arabische Poetik», die er 1984 am Collège de France hielt, schon immer eine «oral-auditive». Seit vorislamischer Zeit sei die arabische Dichtung ein «Kind der Vortragskunst» und erschliesse sich weniger durch Lesen als durch Hören. Der Parforceritt durch die Geschichte der arabischen Poetik überfordert den europäischen Leser gelegentlich mit seiner Vielzahl an Namen und Fachtermini, belohnt diese Mühe aber mit Einblicken in eine der reichsten poetischen Traditionen der Weltkultur, deren sprachtheoretisches Reflexionsniveau und religionsphilosophische Tiefenschärfe so gar nicht zu dem trostlosen Bild passen wollen, das die arabische Kultur gegenwärtig abgibt.

Mit der neuen islamischen Religion sah sich die arabische Dichtung seinerzeit weltanschaulich und ästhetisch gleichermassen herausgefordert, denn der Koran verfügte «neben seiner prophetisch-religiösen Dimension auch über eine literarisch-künstlerische» und galt insbesondere in seiner sprachlichen Gestalt als unnachahmlich. Von der Sphäre des Religiösen hatte sich die Dichtung fortan ebenso abzusetzen wie von der Sphäre des Denkens. In dieser doppelten Konkurrenz sieht Adonis das Fundament der «modernen» arabischen Poetik: «Aus der Perspektive des religiösen und philosophischen Wissens erscheint die Welt abgeschlossen, vollendet, weil sie zu einer Gewissheit, einer Überzeugung, einer Doktrin geworden ist. Aus der Perspektive der poetischen, also metaphorischen Erkenntnis ist sie hingegen offen und unbegrenzt, weil sie voller Möglichkeiten steckt, ein stetiges Suchen und Entdecken ist.»Erst mit der Eroberung Bagdads durch die Mongolen, den Kriegen gegen die Kreuzfahrer und der Osmanenherrschaft sei die frühe arabische Moderne zum Stillstand gekommen. Die dann seit dem 19. Jahrhundert lebhaft geführten Debatten über das Verhältnis der arabischen Kultur zur westlichen Moderne hätten die Krise auf literarischem Gebiet bloss fortgesetzt und vertieft, statt zu ihrer Überwindung beizutragen. Im Klammergriff von imitierendem Traditionalismus einerseits und blind nachahmender Verwestlichung andererseits habe sich die arabische Kultur selber aus den Augen verloren und ihre einstmalige Kreativität eingebüsst. Es gelte aber, sich auf die eigene, verschüttete Moderne zu besinnen. Adonis plädiert damit keineswegs für eine Rückkehr in die Vergangenheit. Atavistische Borniertheit ist ihm fremd, da er selbst am besten weiss, wie komplex und vielschichtig das Verhältnis von (westlicher) Moderne und (östlicher) Tradition ist. Längst sind beide nicht mehr voneinander getrennt zu haben. Für ihn selbst war es «die Lektüre von Baudelaire, die meine Rezeption von Abu Nuwas verändert und mir seine Poetik und Modernität enthüllt hat. Die Lektüre von Mallarmé war es, die mir die Geheimnisse der dichterischen Sprache und ihrer modernen Aspekte bei Abu Tammam vor Augen geführt hat.»

Offener Identitätsbegriff
Aus der irreversiblen Verflechtung der Kulturen schlägt Adonis auch in seinem Essay «Sufismus und Surrealismus» Funken. Beiden, der islamischen Mystik und der französischen Kunstbewegung, gehe es um «das Unsagbare, das Unsichtbare, das Unbekannte». Der Sufismus sei grundverschieden vom «exoterisch-dogmatischen Verständnis» des Islam: «Wenn die Existenz nur in der Alternative Paradies oder Hölle bestünde, dann wäre sie nichts weiter als ein Wettspiel, welches stumpfsinnig und lächerlich wäre und dem Menschen nicht gerecht würde.» Der Gegensatz schlägt sich nicht zuletzt in einem anderen Sprachverständnis nieder. Der religiös-dogmatischen Sprache, die die Dinge benennt, wie sie sind, stehe die metaphorische Sprache der Mystik gegenüber, die keine letztgültige Wahrheit für sich beansprucheMit ihrem Antinomismus habe die Mystik «eine andere Form der Erkenntnis, ein anderes kognitives Feld, begründet», die, so hofft Adonis, den Kern für ein neues Denken bilden kann, «in dem die Gegensätze einander umarmen».

Von der Skepsis gegenüber allen Alleingültigkeit behauptenden Systemen ist es nicht weit zu einem offenen Identitätsbegriff. Der Vorstellung von Identität als Abgrenzung vom Anderen stellt Adonis einen emanzipatorischen Identitätsbegriff entgegen, der die Selbstwahrnehmung des Einzelnen in der Abgrenzung «zwischen dem, was er ist und was er sein könnte» verortet. In dieser Lesart ist Identität nicht mehr «Abspaltung und Rückzug in sich selbst», sondern «ein Anknüpfen und Aussichherausgehen», letztlich «ein grenzenloses Sichöffnen». Das erlaubt weitere Perspektiven als der vielbeschworene Dialog der Kulturen, der für Adonis ohnehin bloss «auf eine Art Heuchelei hinausläuft», da er von einem falschen Toleranzbegriff ausgehe. Indem er «auf das Vorhandensein eines Irrenden und eines Rechtgeleiteten, der so tut, als würde er den Irrtum übersehen» gründe, beruhe er auf einem Überlegenheitsdünkel und stelle lediglich einen Gnadenakt dar, der die Unterschiede übertünche und damit letztlich festige. Die Literatur stehe dagegen für ein dialogisches Verständnis von Identität: «In der Dichtung liegt das Fremde ganz nah, und das Andere ist in ihr zugleich das Eigene.»

Adonis: Wortgesang. Von der Revolution zur Dichtung. Herausgegeben und mit einem Vorwort von Stefan Weidner. Aus dem Arabischen von Rafael Sanchez. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2012. 299 S., Fr. 34.90.

Den vollständigen NZZ-Artikel von Andreas Pflitsch erschien am 23.05.2013 finden Sie hier.

 
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