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Mit Marokkos letzten Nomaden in unendlichen Weiten PDF Drucken E-Mail

Vor 50 Jahren war jeder zweite Marokkaner ein Beduine, heute sind es nur noch zwei Prozent. Ideen sind gefragt, um junge Leute für die Wüste zu gewinnen. Eine Abenteuerreise in den unbekannten Süden.

Sahara! Wüste! Abenteuer! Endlose Dünen am Ende der Welt. Unendliche Hitze und unendliche Freiheit. Überaus freundliche Menschen mit Turban auf überaus muffelig dreinschauenden Kamelen. Teetrinken mit Lagerfeuer am Zelt. Marokko!

Wer immer Bilder des nordafrikanischen Staates vor seinem geistigen Auge hervorruft, denkt nicht etwa an die Vielfalt maghrebinischer Kultur und Geschichte (wie wir sie etwa in den Königsstädten von Meknes bis Rabat zuhauf sehen). Nicht unbedingt an die bunten Basare in den Touristenzentren Marrakesch oder Agadir. Und schon gar nicht an flaggenschwenkende Demonstranten (diese Repräsentanten des arabischen Frühlings gab es tatsächlich vorwiegend in den Nachbarländern).

Sondern an die 1001-Nacht-Romantik eines "Lawrence von Arabien". Tatsächlich wurde der berühmte Film mit Peter O'Toole und Omar Sharif genauso unter anderem in der südmarokkanischen Stadt Ouarzazate gedreht. Wie auch andere Streifen, die pittoresker Orient-Kulissen bedurften: Zum Beispiel "Prince of Persia", "Im Königreich der Himmel" oder "Gladiator".

Jenseits der Filmkulissen

Vergangenheit. Heute leiden die örtlichen Atlas-Film-Studios unter der allgemeinen Finanzkrise, und der Süden Marokkos setzt auf Touristen, die den Alltag jenseits der Filmkulissen entdecken wollen. Dies geschieht Schritt für Schritt. Motto: Je weiter südlich, umso weniger touristisch.

Demzufolge schaut unsere erste Station noch ein bisschen wie Disneyland aus. Sieben Kilometer südöstlich der "Studios cinématographiques Atlas" liegt die Kasbah Taourirt.

Die ehemalige Residenz des Berberfürsten El Glaoui, ein wuchtiger verschachtelter Wohnkomplex mit "Amphitheater" aus den 90er-Jahren, war bis 1956 bewohnt und dient heute als Museum und Ort für Ausstellungen und Konzerte.

Nachts angestrahlt wie ein Hotel in Las Vegas, dröhnen tagsüber Chansons von Cheb Khaled – einem Algerier! – über den Vorplatz. "Das ist für die Touristen vor der Kasbah, Sie verstehen?", sagt uns Guide Lahsen Papalla. Verstanden.

Dann fahren wir doch lieber weiter gen Süden durch das Dra-Tal Richtung Zagora. Und fangen das erste Mal an zu staunen: Entlang des mäandernden Flusses Dra wechseln sich beeindruckende Kasbahs, idyllisch gelegene Palmenhaine und erste Ausläufer steiniger Wüste vor der beeindruckenden Gebirgsflanke des Djebel Sarrho ab.


Geistesgeschichte im Wohnzimmer

Eine Landschaft, die uns über den kleinen sympathischen Marktort Zagora tief in den Süden und in die Geistes-Geschichte des Landes mitten in das Wohnzimmer von Baba Jlil Khalifa führt.

Der 80-Jährige leitet seit 1958 die berühmte, 4000 Bände starke Bibliothek von Tamegroute. Er sagt: "Wir haben neben diversen Koranausgaben auch Bücher über Astronomie, Poesie, Geographie und Mathematik".

Tamegroute ist ein Wallfahrtort mit Koranschule, Moschee und großem Arkaden-Innenhof, an dessen Nischen sich Dutzende Pilger im Schatten der gleißenden Sonne Erbauung erhoffen. "Das ist ein bisschen wie Lourdes", sagt uns Guide Abdeslam Elmassaoudi.

Gelegen auf dem wichtigen Karawanenweg Richtung Mali und Niger gründete hier im 17. Jahrhundert Abou Abdallah Mohamed Benacer den zum Sufismus gehörenden Nassriya-Orden samt Schule und Bibliothek.

Heute steht nur noch der Turm der Bibliothek aus dieser Zeit, die Moschee ist immerhin aus dem Jahr 1987. Der Rest der Anlage wurde 2007 von König Mohammed VI. eingeweiht, "um diesen Platz wieder zu beleben", wie Abdeslam erläutert.


Schwitzen im Rauch des Steinofens

Älter und im wahrsten Sinne des Wortes bodenständiger ist die "Poterie Berbères" nur einen Steinwurf entfernt. Im Schatten der mächtigen Rauchfahne eines Steinofens schwitzen die 25 Angestellten des Familienbetriebes. Sie brennen aus dem Lehm der Umgebung Vasen, Teller oder Gläser zu brennen, und diese dann mit dem typischen grünen Anstrich der Gegend gefärbt im Shop an den Touristen zu bringen.

Denn so schön Geistesgeschichte und Karawanenromantik im Süden des Landes auch erscheinen mögen – ernähren tut es die Bewohner nicht. 500 Kilometer von Marrakesch und gar 700 Kilometer und mehr von den Wirtschaftsmetropolen Casablanca und Rabat entfernt, leben die Menschen im äußersten Süden Marokkos vor allen Dingen von der Landwirtschaft und vom Handwerk.

Am besten in einer Kooperative, um einerseits die Absatzmärkte zu schützen und andererseits das verdiente Geld in der Familie zu lassen. So haben sich im Großraum Tazenakht 250 Frauen organisiert, die ihre Teppiche zwar nach wie vor in Heimarbeit knüpfen, aber den Verdienst an eine der vier Kooperativen statt an einen Zwischenhändler geben.

Bei insgesamt 22.000 Frauen, die allein im Großraum Tazenakht Teppiche knüpfen, ist das nicht viel, aber immerhin ein Anfang. "Wir verdienen doppelt soviel wie vorher", sagt die 42-jährige Safia von der "Cooperative Féminine Iznaguen".


Dattelkaffee und Karottenmarmelade

Es geht um ökonomische Autonomie und die Bewahrung des kulturellen Erbes. Besonders wenn die Asphaltstraße aufhört und die Wüste anfängt wie im 4000-Einwohner-Städtchen M'hamid El Ghizlane. Bauern aus Errachidia und Erfoud, Tazarine und Taliouine, Tizdane und Ilmichil präsentieren Dattelkaffee und Karottenmarmelade, Safran und Couscous, Olivenöl, Käse und Hennaprodukte auf dem "Festival International des Nomades".

Direktor Nourredine Bougrab hat zum zehnten Mal eingeladen, und neben dem Bauernmarkt gibt es eine Bühne für Künstler von Norwegen bis Mongolei, die zeigen, dass es für Nomaden keine Grenzen und für Romantisierungen keinen Platz gibt. "Vor der Unabhängigkeit 1956 gab es in Marokko 50 Prozent Nomaden, heute nur noch 2-3 Prozent", sagt der 40-Jährige. Umso wichtiger sei es, die Jugend nicht in die Städte ziehen zu lassen, sondern für die Tradition des Nomadenlebens zu gewinnen.

Daher gibt es auf dem Festival neben Dromedarrennen auch ein Sandhockey-Spiel. Eine alte Sportart, die seit 20 Jahren nicht mehr praktiziert wurde – und am Spielfeldrand von Mädchen im Kopftuch bis zu bleichgesichtigen Hippies mit gleichermaßen großem Gejohle begleitet wird.


Zeltcamp an der Sanddüne

Jenseits dieses Festivals, das einmal im Jahr an einem Wochenende stattfindet, bleibt den Gästen das übliche Wüstenprogramm, das hier allerdings im Gegensatz zu den Dünen von Merzouga 400 Kilometer nordöstlich weniger touristisch denn abenteuerlich abläuft.

Also: in den Jeep gequetscht und über 60 Kilometer zwei Stunden lang über holprigen Wüstensand durchgeschüttelt werden, bis man 30 Kilometer vor der algerischen Grenze das Zeltcamp an der Erg Chegaga erreicht.

Dann Sonnenuntergang-Gucken auf der Spitze der mit 300 Metern höchsten Sanddüne Marokkos, anschließend Abendessen und Musik beim Lagerfeuer, letztes Seufzen beim Anblick des Sternenhimmels.


Wie das Death Valley

Und am nächsten Tag dann raus aus der Wildnis am Ende der Welt zurück durch den Iriqui-Nationalpark. Das ist eine gewaltige Lehmebene um einen ausgetrockneten See, die mühelos an das Death Valley in den USA erinnert und uns langsam zurück in die Zivilisation führt.

Schließlich landen wir in Aït-Ben-Haddou 30 Kilometer nördlich von Ouarzazate. Die Festung diente 1962 als Drehort für "Lawrence von Arabien". Beim Blick von der wie ein Vogelnest an einem Felsen klebenden Burg bekommen wir noch einmal bestätigt, wie vielfältig dieses Land doch ist.

Während die gewaltigen Bergzüge des Hohen Atlas die zackige Grenze zum Norden markieren, streckt die Wüste im Süden ihre ersten steinigen Finger aus.

Palmenhaine an Flussläufen zeugen von der Fruchtbarkeit der Gegend, während zahllose Steinfestungen mit runzliger werdendem Gesicht und bröckelnder Würde den Zeitläuften zu trotzen versuchen. Und die Sahara? Sie wird selbst hier im tiefen Süden schnell zur Erinnerung.

Den vollständigen Artikel von "Die Welt", erschienen am 18.07.2013, finden Sie hier.

 
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© DAG am Freitag, 24. Februar 2017
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