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Schluss mit der Heuchelei! PDF Drucken E-Mail

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Scholl-Latour über den Mittleren Osten.

we-magazine: Wie würden Sie die aktuelle Position der deutschen Bundesregierung zu Syrien beschreiben?

Peter Scholl-Latour: Die gibt es gar nicht! Entweder laufen die Deutschen den Amerikanern hinterher oder sie machen einen verzweifelten Versuch, etwas anders zu machen. Wie das in Libyen der Fall war – und das geht dann meistens daneben. Die einzige richtige Entscheidung, die getroffen wurde, war die, nicht beim Irakkrieg mitzumachen. Dagegen war es eine falsche Entscheidung, als einziges Mitglied der Europäischen Union und auch des atlantischen Bündnisses der gemeinsamen Willenserklärung gegenüber Syrien nicht formal zuzustimmen – wir brauchten weder ein Flugzeug noch einen Soldaten zu entsenden. Das war einfach töricht gegenüber den Alliierten. Wir sollten uns auf gar keinen Fall in syrische Angelegenheiten einmischen.

we-magazine: Der Gebrauch von Giftgas in Syrien wird wohl – zumindest von den westlichen Medien und vielen Politikern – ganz klar der Regierung Assad zugeschrieben. Obama spricht immer vom "Überschreiten der Roten Linie". Was sind Ihrer Meinung nach die Konsequenzen, wenn der Westen in Syrien militärisch eingreift?

Peter Scholl-Latour: Das ist die gleiche Irreführung wie sie damals im Irak stattgefunden hat. Man sprach von ungeheuren Lagern an Giftstoffen und auch Raketen. Tony Blair sprach gar von der drohenden Vernichtung Europas durch den Irak. Völlig blödsinnig! Und jetzt ist man wieder dabei – man bedient sich der gleichen Mechanismen. Man sieht, dass Assad an Boden gewinnt und muss schnell einen Grund finden, um diese sogenannte rote Linie – ein blöder Ausdruck – demarkieren und eben dann den Aufständischen Waffen schicken zu können. Man weiß doch gar nicht, in wessen Hände diese Waffen geraten!
Die wirklich besten Kampfkräfte auf Seiten der Aufständischen sind nicht die Deserteure der syrischen Armee, die so zahlreich auch nicht sind wie immer gesagt wird. Das sind sunnitische Dorfgemeinschaften, die sich zusammengeschlossen haben, die aber militärisch nicht viel taugen. Die wirklichen Kämpfer, die auch bereit sind zu sterben, das sind die Leute der Jabhat al Nusra, einer extrem islamistischen Bewegung. Und die haben sich, wie die Amerikaner selbst zugegeben haben, mit der Al-Qaida von Mesopotamien verbündet. Wir sind jetzt die Verbündeten von Al-Qaida! Das sagt aber kein Mensch, die deutsche Presse ist eben nicht frei.

we-magazine: Warum ist die deutsche Presse nicht frei, warum machen nur so wenige den Mund auf?

Peter Scholl-Latour: Paul Sethe, ich weiß nicht, ob man ihn heute noch kennt, er war im Nachkriegsdeutschland ein sehr großer, sehr konservativer Journalist und Gründungsherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er hat einmal geschrieben, die Freiheit der Presse im Westen ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu veröffentlichen. Jetzt sind es in Deutschland noch vier oder fünf. Der Verleger bestimmt doch welche Linie gefahren wird. Der Verleger ernennt den Chefredakteur, der Chefredakteur achtet darauf, dass die Redakteure das Richtige schreiben und wenn einer nicht in der richtigen Linie liegt, dann darf er eben nicht mehr schreiben.

we-magazine: Eine vornehme Form der Zensur.

Peter Scholl-Latour: Durchaus. Hinzu kommt noch die Autozensur in den Köpfen der Redakteure. Sie denken sich, das und das liest der Chefredakteur beziehungsweise der Verleger gern und schreiben dann auch dementsprechend.

we-magazine: Zurück zu Syrien – was ist dort passiert im Vergleich zu Tunesien und Ägypten?

Peter Scholl-Latour: Ich kenne Syrien seit dem Jahr 1951. Und glauben Sie mir, das ganze Freiheitsgerede ist zu töricht. Syriens Unruhen haben angefangen in Dara'a, übrigens ganz bezeichnend unmittelbar an der jordanischen Grenze, von wo es dann auch über die Saudis getrieben, direkt beeinflusst werden konnte. Durchaus stellenweise auch mit Kundgebungen, die gut gemeint waren.
Die Syrer wollten natürlich auch mehr Freiheit haben, aber sie hatten ja inzwischen gesehen was in Libyen passiert war, was in Ägypten passiert. Die Begeisterung war nicht groß. Sie hielt sich stark in Grenzen. Und dann ist es eben gezielt aufgebauscht worden. Die entscheidende Tatsache war schließlich, dass die Türkei ihre Grenze komplett öffnete, selbst oder soll ich sagen gerade für die Waffentransporte aus Saudi-Arabien und Katar – das spricht doch Bände!

Syrien ist mit Ägypten und Tunesien kaum zu vergleichen. In Tunesien war es dieser Zwischenfall, dass sich der Gemüsehändler selbst verbrannte, aus welchen Gründen wissen wir nicht. Ob er das aus politischen Gründen oder aus Liebeskummer gemacht hat weiß kein Mensch. Auch nicht an unserer Stelle. Aber es hat dann eben erstaunliche Folgen gehabt. In Tunesien hat niemand mit einem Aufstand gerechnet. Die Tunesier sind ganz friedliche und zahme Leute, auch sehr stark europäisiert. Aber ausrechnet da ging es dann los und binnen Wochen war Ben Ali vertrieben. Aber wir sehen leider auch heute, dass selbst in Tunesien die vielgerühmte Demokratisierung nicht stattgefunden hat. Die EnNahda, die Partei, die dort die Situation angefacht hat, ist ja ursprünglich eine ganz honorige Partei, aber in der Auseinandersetzung mit den extrem islamistischen Kräften der Partei Al-Nour, die von Saudi Arabien aus finanziert ist, wissen wir gar nicht wie es weitergeht.

we-magazine: Was macht denn den fundamentalistischen Islam in diesen Ländern so stark?

Peter Scholl-Latour: Wir dürfen eines nicht vergessen, Bewegungen wie die Hamas in Palästina oder früher die Heilsfront in Algerien, auch die Muslimbrüder in Ägypten, waren ursprünglich karitative Organisationen, die sich um die Bevölkerung gekümmert haben, die große Gemeinschaftsküchen errichteten, Schulen bauten und so weiter und dadurch eben die Bevölkerung für sich gewonnen haben. Das fing nicht mit Gewalt an. Dann aber kam der Moment, als die Regierung darin eine Gefahr sah und aggressiv reagierte. Und dann haben natürlich auch die islamischen Parteien zur Waffe gegriffen. Die Bereitschaft dazu war ohnehin vorhanden. In Algerien hat dies zu einem entsetzlichen achtjährigen Bürgerkrieg mit 200.000 Toten geführt, über den kein Mensch im Westen geredet hat. Und dies ist nach freien Wahlen geschehen! Das ist eben die Heuchelei des Westens! Es hatten freie Wahlen stattgefunden. General Chadli Bendjedid war töricht genug gewesen, freie Wahlen zuzulassen. Er (und der Westen) verkannten völlig die Tatsache, dass die Islamische Heilsfront die Mehrheit hatte und im Parlament saß, und dann hat man mal schnell geputscht. Und der Westen hat nichts gesagt – im Gegenteil, er war heilfroh, dass diese Gefahr abgewendet war. Während man an anderen Orten eben da sehr viel weniger nachsichtig war.

we-magazine: Die aktuelle Situation in Syrien, wie würden Sie diese beschreiben?

Peter Scholl-Latour: Das ist eine weitestgehend konfessionelle Auseinandersetzung geworden. Wobei es ein Irrtum ist, zu meinen, dass die Sunniten geschlossen auf Seiten der Aufständischen ständen. Der größte Teil der Armee – und das sind viele Sunniten – ist bei Assad geblieben. In Syrien gab es eine beachtliche Mittelklasse, ein Bürgertum, und die hatte gesehen, welches Chaos in Libyen entstanden ist, wie der Lebensstandard in Ägypten gefallen ist und waren deshalb gar nicht sehr erpicht auf Unruhen.
Der Konflikt ist wirklich von außen reingetragen worden und zwar nicht etwa aus humanitären Gründen oder etwa, weil "man" dort eine Demokratie einrichten wollte. Es ging darum und das ist der Kern von dem man nie redet, man wollte verhindern, dass eine iranisch-schiitische Brücke von der Grenze Afghanistans bis zum Mittelmeer, bis zur Hisbollah, geschlagen wird.
Seit dem Kampf von Kusair, einer Rebellenhochburg und strategisch wichtigen Stadt im Westen Syriens, hat Assad die Verbindung zwischen Damaskus und den alawitischen Gebieten an der Küste, wo er seine Hauptposition hat, zurückerobert und ist nun gestärkt. Unterstützt wurde er in diesem Kampf durch die Hisbollah des Libanon, die natürlich auch gute Gründe hatte, einzugreifen. Nämlich wären die Alawiten in Syrien ausgeschaltet worden. Sie wären nicht nur enteignet und von ihren Posten enthoben, sondern auch umgebracht worden. Dann wäre die Hisbollah doch sehr isoliert gewesen in ihrer Ecke. Und die Jordanier, die Saudis, die Sunniten des Libanon, auch Syriens Leute, die Amerikaner und die Israelis – notorische Verkenner der Sachlage ebenfalls – sie alle hätten dann versucht, die Hisbollah auszumerzen. Deshalb hat die Hisbollah eingegriffen. Die Hisbollah ist die beste Armee über die die Araber im Orient verfügen. Ihr gelang es – was ja auch immer totgeschwiegen wurde – 2006 die israelische Offensive drei Wochen lang aufzuhalten und zum Rückzug zu zwingen.

We-magazine: Israel ist geschwächter denn je...

Peter Scholl-Latour: Ja, das ist ja so. Die Israelis sind bekannt für ihre Klugheit und Intelligenz, aber politisch sind sie nicht sehr intelligent, sonst hätten sie nicht Iran zu ihrem Hauptgegner gemacht. Khomeini, ich war einer der wenigen, die ihn persönlich kannten, hat "die Juden nicht rausgeworfen". Der Iran ist das einzige islamische Land, in dem noch eine Minderheit von circa 30.000 Juden lebt. Sie haben Synagogen und auch einen Abgeordneten im Parlament. Das dürfen natürlich keine Zionisten sein.
Es ist ja gar nicht so, dass Syrien der große Feind Israels ist. Israel wird sich noch umsehen, wenn es Al-Qaida-Verbände, die Nusra-Front, an seiner Golan-Grenze hat. 40 Jahre nach dem Jom-Kippur-Krieg ist an dieser Grenze kein einziger Schuss gefallen. Seitdem aber dieser Aufstand ausgebrochen ist, wird da gelegentlich auch geschossen, und das wird sich verschärfen. Es ist immer der absolute Blödsinn des Westens zu meinen, die Freunde des einen seien automatisch die Feinde des anderen. Schauen Sie sich Afghanistan an. Die Amerikaner glaubten, weil die Mudschaheddin, die Feinde der Russen, der gottlosen Shorawi, waren, seien sie Freunde Amerikas. Überhaupt nicht! Sobald die Russen aus Afghanistan raus waren, waren eben die Amerikaner die Feinde.

we-magazine: Ist es seitens der Amerikaner und des Westens ein Mangel an Kenntnis oder pure Ignoranz?

Peter Scholl-Latour: Die Amerikaner haben die besten Orientalisten, die es überhaupt gibt. Aber die politische Klasse in Amerika ist eben total verdummt und total ignorant, nicht wahr. Woran der Westen krankt, ist Ignoranz und Heuchelei.

we-magazine: Was könnte die EU, was könnte Deutschland machen?

Peter Scholl-Latour: Nichts. Was sollen die Deutschen machen? Das ist doch alles Unsinn, was die deutschen Politiker von sich geben. Spätestens im Jahre 2003, als sie nach dieser Blitzaktion der Amerikaner in Afghanistan – die übrigens gut geführt war militärisch – nicht reagiert haben. Man hätte sofort wieder rausgehen müssen anschließend. Man wusste, dass die Sache schiefgehen würde; es lagen die BND-Berichte vor, es lagen die Berichte der Kommandeure vor. Aber man hat es in Berlin einfach nicht wahrhaben wollen. Ich will die Minister nicht nennen. Ich bin sogar von ihnen angefeindet worden. Der Einzige, der es im Grunde richtig gesehen hat, der hat aber auf der anderen Seite Pech gehabt, war Guttenberg. Aber Herr Jung hat sogar noch geglaubt, dass es gutgehen könnte. Welch ein Blödsinn! Auch an dem Beispiel "Euro Hawk" erkennt man, wie völlig unzureichend die Unterrichtung der Minister durch ihre Staatssekretäre und ihren Informantenapparat ist. Guttenberg hat einen verantwortlichen Staatssekretär rausgeschmissen. Der hat aufgeräumt und er hatte vollkommen Recht.

we-magazine: Wie sollte der Westen agieren, um besser in diesen Transformationsprozessen hin zu demokratischen Regierungen auszusehen?

Peter Scholl-Latour: Ich kann allmählich das Wort Demokratie nicht mehr hören. Schreckliches Ding. Auch das Wort Menschenrechte wird in einer Art und Weise missbraucht, das es nicht mehr schön ist. Wenn ich den früheren französischen Außenminister Juppé, gemeinsam mit dem saudischen Außenminister al-Faisal auftreten sehe, die Syrer zu ermahnen, doch gute Demokraten zu sein – dann muss ich ehrlich sagen, die Heuchelei ist nicht mehr zu überbieten. Ausgerechnet die Saudis!
Andere Länder in die Demokratie zu führen, ist doch nicht unsere Aufgabe. Das sollen sie selber machen, das geht uns nichts an. Wir sollen das sein lassen. Das kann nur schief gehen.

we-magazine: Was sind die Beweggründe dafür, dass der Westen trotzdem meint, als Bekehrer aufzutreten?

Peter Scholl-Latour: Ja, in vielen Dingen, so blöd es klingt, ist es natürlich auch das Erdöl. Nicht so in Syrien. Dort will man einfach dieses Verbindungsstück der Brücke Iran – Hisbollah zerbrechen. Und die Israelis sind geradezu besessen davon, den Iran und all seine Verbündeten in seine Schranken zu verweisen. Ich sehe den Grund dafür gar nicht. Ich habe selber mit Khomeini über Israel gesprochen und als ich meine Fragen damals einreichte – das habe ich über seinen Sohn Ahmed getan – war eine der Fragen: Was machen Sie mit den Juden in Israel, wenn Sie den Staat Israel nicht anerkennen und auch auflösen wollen? Ich hatte damals noch den Regierungssprecher an meiner Seite und Ahmed saß in Bonn und beide fingen an zu lachen. Ich wunderte mich, denn ich fand diese Frage nicht zum Lachen. Aber der Sohn von Khomeini erklärte mir, dass er so eine idiotische Frage noch nie gehört habe, als ob die Araber jemals die Juden besiegen würden. Das ist die Einstellung. Aber das weiß man offenbar gar nicht.

we-magazine: Das weiß man im Westen nicht.

Peter Scholl-Latour: Ich habe es geschrieben.

we-magazine: Was ist denn Ihr Szenario für den Konfliktherd rund um Israel? Inwieweit birgt es Gefahr für einen dritten Weltkrieg?

Peter Scholl-Latour: Nein, dazu reicht es nicht. Dazu sind ja auch alle untereinander zu sehr zerstritten.
Nur eines muss uns in Europa auch klar sein: Die europäischen Staaten sind nicht kriegstauglich! Wir brauchen immer noch Amerika. Auch wenn wir uns über die Amerikaner ärgern und uns die Haare raufen über die Dummheiten, die sie machen, wir sind weiterhin auf sie angewiesen. Als die Briten und die Franzosen in Libyen ihren Luftkrieg geführt haben, den sie gut geführt haben, gingen ihnen nach drei Wochen die Bomben aus. Und zuvor musste erst einmal die lybische Luftabwehr durch die Amerikaner plattgewälzt werden. Alle mussten auf die Amerikaner zurückgreifen. Und so ist es überall.

we-magazine: Die Rolle der NATO ist gleichzusetzen mit Amerika?

Peter Scholl-Latour: Ja. Europa befindet sich wirklich in einer unwürdigen Situation.

we-magazine: Was kann Europa machen, um da rauszukommen?

Peter Scholl-Latour: Zuerst einmal den Leuten verkaufen, dass wir anständige Waffen brauchen. Das sagt doch keiner, im Gegenteil, das Militärbudget wird dauernd reduziert. Die Franzosen haben jetzt einen hervorragenden Feldzug in Mali geführt, für mich eine Genugtuung, weil ich auch mal in der französischen Armee gedient habe. Aber die müssen jetzt schnell sehen, dass sie rauskommen.

we-magazine: Kommen die raus?

Peter Scholl-Latour: Sicher kommen sie raus, natürlich. Aber wer wird an die Stelle treten? Die Mali-Armee ist ein Sauhaufen und die ganzen afrikanischen Truppen der Afrikanischen Union, auch wenn das UNO-Kontingente sind, haben überall versagt. Ich habe es erlebt im Kongo, in Sierra Leone und und und ... Das geht ja alles schief.

we-magazine: Wenn wir jetzt noch einmal auf Tunesien und Ägypten schauen – welche Rolle spielte dort die Religion beim Umsturz?

Peter Scholl-Latour: Zunächst keine. Es war eine Revolte einer gehobenen Mittelschicht von Intellektuellen, von einer sehr ehrenwerten bürgerlichen Schicht in Tunesien, die ziemlich groß ist. Gleiches trifft für Kairo und Alexandria zu. Aber natürlich in den Provinzstädten, vor allem in den Dörfern, gilt das eben genau nicht. Die Masse der Bevölkerung dort befolgte einen braven, relativ friedlichen Islam mit dem sich ganz gut leben lies. Und diesen Menschen geht es heute schlechter denn je. Und das Schlimme ist jetzt, dass aus Saudi-Arabien, unserem engsten Verbündeten, nun die Extremisten kommen und diese Unzufriedenheit anfeuern und sie für Ihre Ziele einsetzen. Aller islamischer Extremismus kommt aus Saudi-Arabien. Auch bei uns, auch unsere Salafisten werden von Saudi-Arabien aus finanziert. Den Leuten liefern wir die Leo-Panzer. Das zeigt also die ganze Hypokrisie.
Und hinzu kommt noch, dass die Sicherheit im Land nachgelassen hat. Viele Ägypter trauern ja inzwischen Mubarak nach – das ist das Ergebnis unserer Politik und der wirtschaftlichen Unfähigkeit der Länder. Die kriminellen Elemente sind sehr stark geworden.

we-magazine: Das trifft ja nahezu für alle Länder zu …

Peter Scholl-Latour: Ja. Libyen ist sicherlich einer der Höhepunkte. Die Algerier, die algerischen Militärs, die wirklich Macht ausüben, müssen jetzt aufpassen, dass bei ihnen nichts passiert, zumal Präsident Bouteflika, der relativ beliebt war in der Bevölkerung, im Sterben liegt.

we-magazine: Wie sieht es mit Jordanien aus?

Peter Scholl-Latour: Jordanien ist ein Anhängsel von Saudi-Arabien. Die Amerikaner sind da natürlich, die Briten haben ihre alten Positionen dort und die Israelis sind die Protektoren Jordaniens. Aber das kann sich ändern mit dem gewaltigen Zustrom von Flüchtlingen. Denn da sind nicht nur liebe Jungs oder demokratisch gesonnene Freiheitskämpfer dabei, sondern da kommen auch Hardliner und vor auch sehr viele Palästinenser, die in Syrien lebten. Und in Syrien lebten sie nicht schlecht, viel besser als woanders.
All das birgt neues Konfliktpotential in Jordanien. Bezeichnend ist auch, dass der Auslandsführer der Hamas, Maschaal, der früher in Syrien lebte, heute in Katar ist. Katar, das ist der engste Verbündete des Westens.

we-magazine: Katar spielt eine ähnliche Rolle wie Saudi-Arabien?

Peter Scholl-Latour: Ja, nur mit 200.000 Einwohnern. Im Grunde ein Witz dieser Staat, aber so etwas wird im Westen toleriert. Da wird die Formel 1 veranstaltet und Fußballweltmeisterschaften ausgetragen. Es ist eine Schande, wie das Geld dort verschwendet wird. Alles nur, weil dieser Emir auf einem reichen Vorrat an Erdgas und Erdöl sitzt – und wir das brauchen. Deshalb kann er sich das alles leisten. Wir leben in einer total korrupten Welt. Er duldet auch, dass mit den Fremdarbeitern in seinem Land umgegangen wird wie mit Sklaven und keiner macht den Mund auf!

Das Gespräch führte Ulrike Reinhard.

Das Gespräch in englischer Sprache können Sie hier als pdf-Datei downloaden.

Zur Autorin:
Ulrike Reinhard, 53, ist Herausgeberin des we-magazine.net und freie Beraterin in Sachen Internet. Zurzeit baut sie eine Schule in Indien auf.

 
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© DAG am Montag, 23. Oktober 2017
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