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Marokko besinnt sich auf berberisches Erbe PDF Drucken E-Mail

Alte Kultur, neu entdeckt
Erst nach der Jahrtausendwende wurde in Marokko die Berberkultur – die älteste des Landes – offiziell als Teil der nationalen Identität anerkannt. Auch für die internationale Museumslandschaft könnte sich das als Gewinn erweisen.

Die Knaben malen Landschaften, die Mädchen stilisierte Schmucknadeln und dekorative Muster mit Schriftzeichen in der Berber-Schrift Tifinagh. So sieht eine Zeichenstunde in Ait Bougemaz, einem auf 2000 Metern Höhe gelegenen Tal im Hohen Atlas, aus. An den Wänden hängen Kubismus-Studien von einer anderen Klasse, aber zum Zeitpunkt des Besuchs ist freies Gestalten angesagt. Der Kunstlehrer kann das Tifinagh-Alphabet weder entziffern noch selbst eine Berbersprache sprechen, aber er ist stolz darauf, die Fähigkeiten seiner Schülerinnen vorzuführen. Engagiert fordern sie den Besuch zum Nennen von Wörtern auf, um den Begriff dann in Tifinagh aufzuschreiben und gleichzeitig mit phonetischen Entsprechungen in arabischer und lateinischer Schrift zu versehen.

Eigene Sprache, eigene Schrift
Lange Zeit galt der ausschliesslich arabischsprachige Unterricht als eine der Ursachen für die grosse Zahl von Analphabeten in ländlichen marokkanischen Gegenden. Die mit ihrer berberischen Muttersprache aufgewachsenen Kinder begannen ihre Schullaufbahn in einer Fremdsprache, einer komplizierten noch dazu. Das hat sich inzwischen zumindest teilweise geändert. Mehr noch: Seit Ende der 1990er Jahre stehen Sprache und Kultur der Berber immer mehr für eine Neudefinition der marokkanischen Identität – eine Entwicklung, der auch die Protestbewegung im arabischsprachigen Raum Rückenwind gegeben hat.
Seit 2003 wird an Marokkos Schulen, sofern ausgebildete Lehrkräfte vorhanden sind, Tifinagh unterrichtet. Für die Entwicklung des aus Kreis- und Kreuzzeichen bestehenden Alphabets ist das 2001 in Rabat gegründete Berber-Forschungszentrum Institut Royal de la Culture Amazighe (Ircam) verantwortlich. Als Grundlage dienten Tuareg-Schriften, die einzigen, die sich innerhalb der Berberstämme erhalten konnten. In der neuen marokkanischen Verfassung von Juli 2011 wurde die Tamazight genannte Berbersprache nun endlich als zweite offizielle Landessprache verankert.Die Bezeichnung ist ein Überbegriff für die unterschiedlichen Dialekte des Landes, die sich in drei Hauptgruppen unterteilen lassen. Dementsprechend sind die Schulbücher mehrfarbig: Je nachdem, in welchem Landesteil unterrichtet wird, schlagen die Schüler ein Kapitel in der entsprechenden Farbe auf. Türinschriften, Strassenschilder, Firmennamen, Graffiti, all das kann dem Reisenden inzwischen in den Lettern der Berber, die sich selbst Imazighen (Einzahl: Amazigh) nennen, begegnen. Dazu kommen ein im marokkanischen Vergleich hervorragend besetzter berbersprachiger Fernsehsender, die vom Ircam herausgegebene wissenschaftliche Zeitschrift «Asinag» sowie die oppositionelle Monatszeitung «Le monde amazigh».«Nicht die Berberkultur ist ein Element der marokkanischen Kultur, sondern die marokkanische Kultur ist an sich eine Berberkultur», so fasst Ahmed Skounti, Anthropologie-Professor an der Universität Rabat, seinen Beitrag zum neuen Musée Berbère in Marrakesch zusammen. Das Museum ist etwa gleich alt wie die neue Verfassung, und es ist, wie wohl schon Name und Eintrittspreis (65 Dirham) verraten, in erster Linie für Touristen konzipiert. In den mit Geldern der Yves-Saint-Laurent-Stiftung angelegten, paradiesischen Majorelle-Gärten gelegen, präsentiert es sich als kleiner folkloristischer Tempel mit gut portionierten Informationen zu geschmackvoll ausgewählten Trachten, Schmuck, Kunsthandwerk, Musikinstrumenten, religiösen und Arbeitsutensilien, juristischen Dokumenten – nicht zu vergessen die eindrücklichen Zuckerhämmer. Bei den Objekten handelt es sich weniger um Raritäten als um einst alltägliche Zeugnisse eines so reduzierten wie vollkommen wirkenden Farb- und Formempfindens. Die Sammlung stammt aus zwei Privatkollektionen: Der Grossteil wurde vom Museumsstifter Pierre Bergé selbst zusammengetragen, die symbolträchtigen Schmuckstücke stammen von einer judäo-berberischen Sammlerin. Neben dem schweren Kopfschmuck gehören die dreieckigen Schmucknadeln, wie sie von den Mädchen in Ait Bougemaz gemalt werden, seit Jahrtausenden zur weiblichen Grundausstattung; heute sind sie wichtige Identifikationssymbole.

Zwischen den großen Kulturen
Zwar gibt es in den grossen Museen, etwa im Dar Si Said in Marrakesch oder im Musée Archéologique in Rabat, imposante Exponate aus der Historie des Landes; eine Sammlung, die sich gezielt der Berbergeschichte widmet, bestand bisher jedoch noch nicht. Daher kommt dem Musée Berbère durchaus nicht nur eine ästhetische, sondern auch eine prägende kulturelle Bedeutung zu. Die mangelnde Repräsentanz dieser sich über ganz Nordafrika erstreckenden, etwa 9000 Jahre zurückdatierenden Kultur, die zu den ältesten der Welt gehört und deren Sprache bis heute nirgends so flächendeckend wie in Marokko erhalten geblieben ist, hat auch für die Wahrnehmung im Ausland Folgen. So konstatiert die Architektin und Anthropologin Salima Naji, dass die Objekte der Berberkunst es bisher schwer gehabt hätten, ihren Platz im Kontext der grossen Kulturen zu finden. Man könne sie weder als «eindeutig islamisch noch als eindeutig orientalisch, afrikanisch, primitiv oder dem Mittelmeerraum zugehörig klassifizieren».Nicht nur für Kunstobjekte bestehen Schwierigkeiten bei der Zuordnung. Auch die europäische Wahrnehmung seiner Landsleute sei undifferenziert, sagt Ahmed Skounti: «Wie die Kurden oft als Türken gesehen werden, behandelt man die Exilmarokkaner als Araber, obwohl viele das Arabische gar nicht beherrschen.» Zwar wurde dem Arabischen durch die Protektoratsverwaltungen und die darauffolgende nachkoloniale Herrscherdynastie die heutige zentrale Rolle zugebilligt, nach wie vor aber wird der Anteil der Tamazight-Sprecher in Marokko mit über 50 Prozent angegeben. Die Bildungsreform, die dem Tamazight und der Tifinagh-Schrift ihren Platz im Curriculum sichern soll, ist dennoch nicht unumstritten. Die Sprachausbildung an den Schulen wird vielfach als unstrukturiert und unmotiviert bemängelt. Einerseits fehlen gut ausgebildete Lehrer, andererseits sähen es viele Eltern lieber, wenn ihre Kinder sich auf international verbreitete Fremdsprachen wie Englisch, Französisch oder Spanisch konzentrierten.
Anders sieht es in Bezug auf die akademische Forschung und die technologische Adaption der Schrift aus. Die Abschlussarbeiten auf dem Gebiet boomen, und der neuen Windows-8-Version des Tifinagh bescheinigt Ahmed Skounti eine ausgezeichnete Brauchbarkeit. Viel Interesse daran komme derzeit auch aus Libyen, wo es nach dem Ende der Herrschaft Ghadhafis ebenfalls zu einer Renaissance der Berberkulturen gekommen sei.

Institutionalisierung
Für den Anthropologen steht jedoch fest, dass das wertvolle Kulturerbe in Zeiten von Globalisierung und Hightech nur noch durch Institutionalisierung erhalten werden kann. Auch das Musée Berbère arbeitet dazu in jährlichen Kongressen unter dem Dach der Unesco Strategien aus. Die neue wissenschaftliche und intellektuelle Begeisterung ist eine Grundbedingung für die weitere Sicherung und Differenzierung des Kulturerbes – von der fast ausgestorbenen judäo-berberischen Sprache über religiöse Riten bis hin zu den ländlichen Speicherheiligtümern, den sogenannten Greniers. Ob damit einhergehend das Tamazight als Schriftsprache einen relevanten Anteil am Alltagsleben Marokkos erobern wird, scheint hingegen noch offen. Auch das Selbstverständnis der oralen Kultur der Berber wird sich nun, da die Notwendigkeit der politischen Résistance eingedämmt ist, als Eigenwert neu justieren müssen.

Den vollständigen Artikel aus der NZZ vom 18.07.2013 finden Sie hier.
 

 
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