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Algerien : „Energie und Umwelt sind Megathemen“ PDF Drucken E-Mail

Die Unternehmer, die sich entschlossen hatten, an der Informationsveranstaltung: „Energie- und Umweltsektor in Algerien“ am 8. Oktober 2013 in Berlin teilzunehmen, erwartete ein vielfältiges Programm mit wertvollen Präsentationen und spannenden Diskussionen unter Fachleuten und Unternehmern.

Die Veranstaltung, Bestandteil des Markterschließungsprogramms des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie für Kleine und Mittlere Unternehmen wurde aufgrund eines Beschlusses des deutschen Bundestages durch dieses Ministerium gefördert. Veranstalter war NUMOV und Vorstandsmitglied Marc Neuman gelang es, die Veranstaltung professionell zu moderieren. Ziel der Veranstaltung war es, deutsche Unternehmen mit den speziellen Investitionsregeln (in Algerien sind z. B. nur Minderheitsbeteiligungen möglich) bekannt zu machen. Algerien ist auf Grund seiner Geschichte anders als die übrigen Maghreb Staaten und potenzielle Investoren tun gut daran, sich mit den Besonderheiten in Wirtschaft und Kultur vertraut zu machen. Zudem gibt es seit Beginn 2013 Reformen und Deutsche Technologie ist im Land sehr gefragt – die Rahmenbedingungen sind also durchaus viel versprechend. 200 Deutsche Unternehmen sind bereits im Land.
Das Treffen erfolgte zu einem Zeitpunkt, als im Vormonat eine Kabinettsumbildung in Algerien stattgefunden hatte - die Liste aller Minister des neuen Kabinetts finden Sie hier. Die Veränderungen waren auch in der Algerischen Botschaft in Berlin zu spüren: Der Botschafter Algeriens war zum Minister ernannt worden - seinen Platz nimmt derzeit Boumediene Mahi in der Postition als Gesandter ein. Sowohl er als auch der neue Wirtschaftsattaché Mounir Bourouba, der sich freute, die Gesprächspartner der Zukunft kennen zu lernen und auf die Schaffung des neuen Umweltministeriums hinwies, nahmen an der Veranstaltung teil. Die Kabinettsumbildung ist auch für ausländische Unternehmen von Bedeutung, die sich z. B. fragen, was mit ihren Ausschreibungen passiert oder ob es die Anlaufstelle im Algerischen Wirtschaftsministerium auch nach dem Kabinettswechsel weiterhin gibt. Für all diese Fragen ist die aktive, seit 2006 bestehende AHK Algerien mit ihrer guten Informationsstruktur der beste Ansprechpartner.
Das Land mit seinen 35 Mio.Einwohnern ist Deutschlands fünftwichtigster Handelspartner. Es rückt nicht zuletzt deshalb in das Interesse des Deutschen Mittelstands, weil – wie in anderen Teilen der Arabischen Welt - auch in Algerien zwar langsam, aber mit steigender Tendenz, der Aufbau einer Privatwirtschaft mit mittelständischen Unternehmen erfolgt. Wenn bei früheren Wirtschaftsveranstaltungen über Algerien meist die Bereiche Öl und Gas im Vordergrund standen, so hat man nun die Themen erneuerbare Energien und Umweltschutz als für Deutsche Investoren lohnend entdeckt. Die Marke „Made in Germany“ genießt auch in Algerien höchstes Ansehen. Etwas gewöhnungsbedürftig ist eine Eigenheit in Algerien: man hat mit dem Staat als Wirtschaftsakteur zu tun.

S. E. Boumediene Mahi wirbt für sein Land und betont die Notwendigkeit der Diversifizierung in der algerischen Wirtschaft, die durch die guten Wirtschaftsbeziehungen zwischen Algerien und Deutschland vorangetrieben werden soll. Konkret erfolgt das im Rahmen der gemischten Wirtschaftskommission, die in den letzten drei Jahren jährlich tagte, zuletzt im Mai 2013 in Berlin mit 100 teilnehmenden Unternehmen beider Seiten. „Das algerische Industrieministerium verfolgt eine neue Strategie. 15 große Projekte sind auf nationaler und internationaler Ebene ausgeschrieben. Die Frage der Finanzierung stellt sich bei Investitionen nicht, es geht allein um Management und Technogietransfer aus dem Ausland, das ist uns wichtiger als finanzielle Beteiligung, da die Algerische Regierung die notwendigen Finanzen garantiert“, so Boumediene Mahi. Immerhin wurden von der Regierung bis zum Jahr 2014 im Rahmen des Wirtschaftsförderungsprogramms 286 Mrd. USD für Wirtschaftsinvestitionen bereit gestellt.

Für mittelständische Deutsche Unternehmer gibt es möglicherweise Staaten, in denen Investitionen leichter erscheinen. Als erste Hürde ist die französische Sprache zu nennen. Man tut auch gut daran, sich mit der Geschichte des Landes zu befassen. Dr. Michael Lüders, Stellv. Vorstandsvorsitzender des Deutschen Orient-Instituts und gern eingeladener Experte im Deutschen Fernsehen schildert seine Sicht der markt- und kulturspezifischen Besonderheiten Algeriens, die sich aus der jüngsten Geschichte herleiten: „Algerien wurde 1962 von Frankreich unabhängig. Es ist das stärkste Land im Maghreb. Seit 1962 besteht die Machtelite aus ehemals verdienten Widerstandskämpfern, die ihre Macht an ihre Nachkommen weitergegeben haben. Man kann wirtschaftlich, kulturell oder politisch noch so erfolgreich sein, ohne den familiären Elite-Hintergrund läuft nichts und wegen der stark verbreiteten Korruption bleiben die riesigen Öl- und Gasvermögen in den Händen der Elite. Das macht die Bevölkerung unzufrieden, die auch den starken Geheimdienst wahrnimmt und sich über viele Fehlinvestitionen wundert. Als Anfang der 1990-er Jahre bei freien Wahlen die Islamische Heilsfront gewann, wollte man der FNL einen Denkzettel verpassen, was mit einem Militärputsch quittiert wurde. Die Islamisten gingen in den Untergrund und der dann folgende Bürgerkrieg kostete über 100.000 Tote. Heute sind die Probleme der Ungerechtigkeit und der Negierung der Machtteilung immer noch da, aber die Bevölkerung ist das Töten leid. Die Algerier sind durch den jahrelangen Anblick von Leichen traumatisiert. Ein „Arabischer Frühling“ hat in Algerien keine Chance. Die Bevölkerung will kein Chaos mehr. Daher hat das Regime es relativ leicht. Die Regierung macht einige kosmetische Erneuerungen und hofft, dass alles gut geht. Ein Wendepunkt wird im April 2014 erwartet, wenn der derzeitig amtierende Präsident Bouteflika bei Neuwahlen nicht mehr wieder gewählt werden darf. Algerien wird sich dann neu erfinden müssen, denn dann wird erstmals ein junger, vom Militär ausgesuchter, Technokrat antreten, der naturgemäß ohne viel Autorität auftreten kann. Wenn der neue Präsidentschaftskandidat die Menschen nicht erreicht, dann wird es Probleme geben. Bisher ist die Elite an der Macht und verfügt über die wichtigen Posten und die Finanzmittel. Die Hälfte der Bevölkerung ist jünger als 20 Jahre und viele sind arbeitslos. Rezepte für die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit sind gefragt und bisher ist die Regierung ratlos. Die verschiedenen Clans und Großfamilien haben ihre eigenen Interessen und sind bereit, dafür zu kämpfen. Es muss auf jeden Fall eine Öffnung hin zur Privatwirtschaft geben, aber was geschieht, wenn diese Öffnung auch politisch gewollt wird? Darauf gibt es keine Antwort. Die Zahl der Islamisten ist unbekannt und keiner weiß, wie die Berber sich verhalten werden“. Dr. Lüders sieht Algerien als ein Land im Umbruch, das nur scheinbar unter Kontrolle ist. Die Gesellschaft will mehr Freiheiten. Keiner weiß, wie die Zukunft aussieht. Am Schluss stehen etwas versöhnlichere Worte: „Algerien ist ein guter Handelspartner, die Algerier haben eine interessante Französisch-Arabische Kultur, die Menschen sind wundervoll und das Land ist ein hochinteressanter Investitionsstandort.“

Dieser Meinung eines westlichen Wissenschaftlers steht die eines Arabischen Diplomaten gegenüber. Boumedienne Mahi erkennt in den Ausführungen von Dr. Lüders viele Clichés wieder. „Als Diplomat an der Universität habe ich gelernt, nicht an Clichés zu glauben. Algerien ist ein Land, das sich von allen anderen unterscheidet. Wir sind unabhängig und haben dafür mit 1,5 Millionen Opfern bezahlt. Das politische System wollte nach der Unabhängigkeit die Früchte seiner Arbeit einfahren. Inzwischen hat sich viel getan. Jeder hat eine andere Sicht der Dinge, das hängt davon ab, ob man z. B. in Paris oder Berlin ist. Nur jemand, der die jüngste algerische Geschichte selbst erlebt hat, kann die Situation richtig einschätzen. Wir haben die Islamisten bekämpft, weil wir nicht wollten, dass der Koran als einzige Orientierung gilt. Seit Beginn der 1990-er Jahre ist unsere Presse die freieste in der Region – dafür ein Beispiel: Als ein Standort für das Sekretariat der maghrebinischen Presse, also der Presse für die Länder Libyen, Marokko, Tunesien und Algerien gesucht wurde – als Anlaufstelle für die freien Journalisten dieser Länder – einigte man sich auf folgendes Vorgehen: in dem Land, in dem am nächsten Tag ein regierungskritischer Artikel erscheint, soll das Sekretariat angesiedelt sein. Der Artikel wurde in Algerien veröffentlicht und so bekam Algerien das Sekretariat. Wir haben uns in unserem Land für die Freiheit eingesetzt und dabei Tragödien erlebt. Es gibt 50 verschiedene politische Parteien. Unsere Parlamentswahlen wurden von der EU überwacht, es waren freie und demokratische Wahlen. Natürlich haben wir nicht das gleiche demokratische Niveau wie die USA, Frankreich oder Deutschland, aber wir gehen unseren eigenen Weg. Sicherlich ist in Algerien nicht alles perfekt. Unser Präsident braucht die Unterstützung des Volkes – das ist richtig und wichtig. Vieles in Algerien basiert auf der Geschichte und auf unserer Kultur. Ich bin der Sohn eines Landwirts und nicht der Sohn eines Generals“.

 

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(v.l.n.r. Mounir Bourouba, Boumediene Mahi, Marc Neumann)

 

Text und Foto: Barbara Schumacher
 

 
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© DAG am Mittwoch, 28. Juni 2017
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