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Damaskus: W-LAN in der Märchenwelt PDF Drucken E-Mail

Mit großem Tempo hält die Moderne Einzug in die orientalische Märchenwelt der Altstadt von Damaskus. Die Stände der Handwerker weichen Internetcafés, Wohnhäuser machen Discotheken Platz. Doch was Touristen gefällt, ist für manche Einwohner alles andere als ein Segen.

Von Simon Kremer und Marc Röhlig

Im Herzen der Stadt thront die Umayyaden-Moschee, eine der ältesten der Welt und Unesco-Welterbe, daneben steht das Mausoleum des Sultans Saladin. Ein über Jahrhunderte gewachsener Souk umgibt die historischen Prachtbauten. Die Altstadt von Damaskus gilt als die älteste durchgehend besiedelte Stadt der Welt. An vielen Ecken sieht hier der Orient tatsächlich so aus, wie ihn sich die Renaissance auf Gemälden vorgestellt hat.

Doch immer stärker drängt sich die Moderne ins Bild: Alte Teestuben beherbergen Cola-Automaten, zwischen Tuch- und Gewürzhändlern eröffnen Internetcafés. Kleine Kneipen stehen direkt neben orientalischen Moscheen, Wasserpfeifen-Cafés bieten W-LAN-Zugang, internationale Studenten-WGs haben sich in jahrhundertealten Wohnhäusern eingenistet. Der einstige orientalische Mikrokosmos wird zur Herberge für die Welt.

Wer den Wandel erleben will, muss nur ein paar der alten und neuen Geschäfte besuchen: auf einem Spaziergang zwischen Backpacker-Kneipe und Hinterhof-Tuchhändler, zu einem der ersten Internetcafés und einem der letzten Schwertschmiede.

Die Studentenkneipe: Pin-ups und Backpacker

Ein internationales Publikum findet am Wochenende Platz in einer kleinen Kneipe an der "Geraden Straße": Sprachstudenten und junge Syrer drängen sich an vier Tischen, Kerzen tauchen das Stübchen in schummriges Licht, Flaschen und Schnapsgläser klirren. An den Wänden hängen Fotos von Pin-ups aus den Siebzigern, daneben Plattencover von Fleetwood Mac bis Beethoven. Es gibt ein Weinregal, einen Spirituosenschrank und hinter der Theke einen Kühlschrank. Darin lagern Biersorten aus aller Welt, Eiswürfel für die Cocktails und eine angefangene Flasche O-Saft. Diese gehört Abu George - damit er fit bleibt.

Abu George ist der Besitzer der kleinen Bar. Der 57-Jährige steht jeden Tag vom Nachmittag bis 5 Uhr früh hinter seinem Tresen. Er bedient Sprachstudenten und Touristen, die den einstigen Geheimtipp aus dem Lonely-Planet-Reiseführer haben. Und er bedient junge Künstler, Bohemiens, Freigeister aus Syrien. "Jeder mag hier vorbeischauen", sagt Abu George, "vielleicht weil man hier schnell miteinander ins Gespräch kommt, vielleicht auch, weil es das christliche Viertel ist."

Im christlichen Viertel der Altstadt ist mehr möglich als in anderen Stadtteilen von Damaskus. In den letzten Jahren hat sich hier eine umfangreiche Bar- und Clubkultur entwickelt, zugeschnitten auf erlebnishungrige Sprachstudenten aus Europa und den USA. Mehr als tausend junge Leute studieren hier pro Semester - und prägen das Treiben in der Altstadt. "Von den alten Familien leben nicht mehr viele hier", sagt Abu George, "Clubs haben den Platz der Wohnhäuser eingenommen." Am Geist der Altstadt werde das aber nichts ändern: "Das Zentrum von Damaskus war schon immer lebhaft, jetzt eben mit Discotheken."

Der Handwerker-Chan: Erinnerung an bessere Zeiten

Von Abu Georges Kneipe im Osten sind es zehn Minuten bis zum Souk Hamidiya im Westen der Altstadt. Auch hier herrscht abends noch reges Treiben. Die Händler öffnen ihre Läden bis in die Nacht. An einem Stand gibt es duftende Gewürze und Parfümmischungen. Eine Straßenecke weiter zeigt ein Händler seine Tücher und Stoffe. Jeder will heute Abend noch sein Geschäft machen. Außer Muhammed Wael Madreini. Er schließt gerade seinen Tuchhandel im Chan Zeit.
Chane sind Hinterhöfe abseits der lauten Hauptstraßen, abseits der Touristenpfade. Früher wurden sie oft als Karawansereien genutzt - heute werden sie von Händlern und Handwerkern besiedelt. "Ich liebe diesen Chan wegen seiner Geschichte", sagt Madreini und erzählt, dass sein Chan bereits über 800 Jahre Damaskus erlebt hat. "Es war früher eine Art Hotel, unten im Hof war der Platz für die Tiere, Pferde, Schafe und Kamele."

Madreini hat sich vor neun Jahren im Chan Zeit einquartiert. Der 32-Jährige betreibt hier einen Tuchhandel. Seine Stoffe webt er noch selbst. Der kleine Laden ist vollgestopft mit Kleidern, alle sorgsam gefaltet und verschweißt. Auch wenn die Händler vorne an den Hauptstraßen fast nur noch Massenware annehmen, Madreini hält am Handwerk fest.

In der Damaszener Altstadt gibt es fünf Chane. Alle sind über die Jahrhunderte in Vergessenheit geraten - und alle werden nun durch internationale Projekte wieder ans Licht gebracht. Erst kürzlich, sagt Muhammed Madreini, habe sich eine japanische Gruppe seinen Chan angesehen. "Sie kamen und haben die Größe der Steine und Türen gemessen, um den Chan zu renovieren", sagt Madreini. Die Renovierung habe der Chan Zeit dringend nötig: "Wenn es regnet, kommt das Wasser durch und die Wand wird richtig eklig."

Für den Tuchmacher ist es wichtig, die alten Gebäude zu erhalten: "Die Schönheit dieser Häuser und der gesamten Altstadt erinnert mich an bessere Zeiten, als die Menschen noch freundlicher waren."

Das Internetcafé: "Natürlich ist das illegal"

Anders als Madreini suchen heute viele nach modernen Jobs. Raed Tuma führt ein Internetcafé nahe Bab Tuma, dem Thomas-Tor. Den Standort hat der 27-Jährige clever gewählt: Das Thomas-Tor ist Zentrum des christlichen Viertels der Altstadt. Tumas Internetcafé war eines der ersten hier, DSL-Verbindungen sind noch sehr selten in Syrien.

"Heutzutage bieten einige Cafés Wireless Internet an, aber vor vier Jahren, als ich aufgemacht habe, war das nicht so", erinnert sich Tuma. "Meiner war der dritte Laden hier. Jetzt gibt es allein in Bab Tuma schon 14 Internetcafés - die W-LAN-Cafés nicht eingerechnet."

Die Nachfrage ist groß: Hinter den Fenstern sieht man immer Studenten und Touristen sitzen, die auf ihre Laptops starren. Sie tragen Kopfhörer, um in Ruhe mit der Familie zu telefonieren - und viele paffen dabei eine Argilah, eine Wasserpfeife, um der Heimat ein Stück Orient mittels Webcam zu bieten. Raed selbst sitzt auch immer paffend hinter seinem eigenen PC. Jedoch bleibt das Internet für ihn ein westliches Mysterium. "Für Syrer ist es seltsam, den ganzen Tag im Internet zu verbringen", sagt Tuma, "aber Ausländer verdienen tatsächlich so ihr Geld."

In Syrien ist das nicht möglich, was - bei allem Wandel zur Moderne - daran liegen mag, dass das Land ein autokratisches System bleibt. Tuma ist verpflichtet, alle seine Kunden in einer Kartei zu führen, die er der Regierung vorlegt. Offiziell sind Seiten wie Facebook, Google oder YouTube in Syrien gesperrt. "Wir haben allerdings unsere Wege, die Zensur zu umgehen", sagt Tuma.

Der Schwertmacher: 1000 Euro für orientalische Filigrankunst

Im Laden von Mustafa Ali as-Seify steht ebenfalls ein Laptop, sein Sohn Muhammed klickt sich gerade durch ein paar Internetseiten. As-Seify selbst braucht den Rechner jedoch nicht zum Arbeiten: Der 63-Jährige stammt aus Damaskus' letzter Schwertmacherfamilie. Sein Geschäft liegt auf der "Geraden Straße". Nur noch er, sein Bruder und sein Sohn Muhammed schmieden nach alter Damaszener Technik. Eine Technik, die noch aus der Zeit der Kreuzzüge stamme, sagt der Schwertschmied.
As-Seify hat den Beruf mit 15 Jahren gelernt. Seither arbeitet er mit Schwertern. "Unsere Familie hat sich auf Gold- und Silberverzierungen spezialisiert." Er zeigt eine fertig gestellte Klinge. Ein filigraner goldener Text zieht sich über das Schwert. Die Zeiten sind schwer für traditionelle Handwerker wie Mustafa as-Seify. Hotels und Bars verdrängen die alten Geschäfte, sagt er. Die Altstadt werde touristischer und moderner - für Handwerker und Familienunternehmen sei nur noch wenig Platz.

Doch um seinen Laden erhalten zu können, ist as-Seify mittlerweile auf jene angewiesen, die die Moderne mit sich bringen. Ein normales Schwert kostet bei ihm rund 1000 Euro. Vor allem Europäer und Amerikaner würden die handgemachten Waffen kaufen, sagt er, "sie sind geradezu verrückt nach alten, orientalischen Souvenirs".

Während sich seine Kunden aus aller Welt den Orient nachhause mitnehmen, sorgt sich Mustafa as-Seify darum, ihn auch in seiner Stadt zu bewahren. Er hofft, dass sich die Clubs und Cafés in den Charme der Altstadt einfügen. Doch der Sound in den Souks hat sich längst geändert. In das Rufen der Händler mischt sich westliche Musik aus Lautsprechern. Syrien will die Öffnung. Staatschef Bashar al-Assads Außenpolitik strebt danach, endlich das Stigma des Schurkenstaats loszuwerden. Mehr und mehr Studenten und Touristen genießen diese neue Offenheit. Und die Syrer freuen sich über zahlende Kundschaft.
An der Altstadt geht das nicht spurlos vorbei.

 
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© DAG am Mittwoch, 17. Juli 2019
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