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Die Panikmacher PDF Drucken E-Mail
Die deutsche Angst vor dem Islam. Eine Streitschrift (Gebundene Ausgabe)
von Arne Hoffmann

In den letzten Jahren hat sich in unserem Land die Stimmung gegenüber Einwanderern, insbesondere Muslimen, spürbar verschlechtert. Die Zahl der Brandanschläge auf Moscheen, an ihre Wände gesprühte Hassparolen und der Schändungen muslimischer Gräber hat deutlich zugenommen. Frauen werden auf offener Straße angegriffen, weil sie ein Kopftuch tragen. Menschen werden wieder öffentlich als "Volksschädlinge" und "Parasiten" bezeichnet. Es häufen sich Briefe mit Beschimpfungen und Drohungen gegen Muslime sowie E-Mails wie "Eure Ausrottung steht bevor". Hetzblogs gegen diese Gruppe schießen wie Pilze aus dem Boden; von manchem etablierten Journalisten erhalten die darin verbreiteten dumpfen Thesen publizistische Unterstützung. Und wo früher die Rechtsradikalen nur in dunklen Hinterzimmern schwadronierten, jeder, der Fremdenfeindlichkeit kritisiere, sei als ein feiger Verräter schuldig am Untergang des eigenen Volkes, findet man vergleichbare Äußerungen inzwischen als Amazon-Rezensionen etwa zu Patrick Bahners Buch "Die Panikmacher". Damit geben sie dem Autor unfreiwillig Recht.

Ein wachsender Teil unserer Bevölkerung scheint den in Bahners Buch zitierten Ausspruch Ayaan Hirsi Alis Ernst zu nehmen: "Es kommt der Augenblick, da man den Feind zerquetscht. Und wenn man das nicht tut, muss man damit leben, dass man von ihm zerquetscht wird." Auch Henryk Broders Slogan "Hurra, wir kapitulieren!" sei, so Bahners, in der islamophoben Szene vor allem deshalb so erfolgreich, weil er jeden des Dolchstoßes aus den eigenen Reihen bezichtigt, der sich auch nur "die zaghafte Rückfrage gestattet, ob wir uns wirklich im Krieg gegen den Islam befinden." So gilt in dieser Szene, jeder, der diesen Kriegszustand bezweifelt und sich der Rhetorik des ständigen Verdachts gegen Muslime entzieht, als "Dhimmi" - die Neuauflage des "Judenfreunds" aus den dreißiger Jahren.

Nicht nur die führenden Köpfe der deutschen Polizei sind über diese zunehmende Entgleisung der Integrationsdebatte alarmiert. "Es wird in einer Weise über Integration und Migration gestritten, die an ,Ausländer raus!'-Kampagnen vergangener Jahre erinnert", warnte Polizeipräsident Dieter Glietsch; er bezeichnete die Debatte als "schrill", von Vorurteilen und Dummheit geprägt. Und Jörg Ziercke, Präsident des Bundeskriminalamtes, forderte dazu auf, der Islamophobie in Deutschland entgegenzuwirken, um die Entfremdung junger Muslime von der Mehrheitgesellschaft zu vermeiden. Dabei geht es längst nicht mehr allein um die Muslime. Tatsächlich bestätigen Untersuchungen, wie sie etwa in der aktuellen "Bild der Wissenschaft" zitiert werden, dass Islamfeindlichkeit lediglich eine Facette einer grundlegenderen gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit darstellt. Wer Ressentiments gegenüber Muslimen hegt, äußert sehr häufig auch eine Abneigung gegen Juden, Schwarze, Einwanderer, Frauen, Homosexuelle, Obdachlose, Behinderte und Langzeitarbeitslose. Eine umwerfend neue Erkenntnis ist das nicht - man hätte dafür lediglich die einschlägigen Hetzblogs in den letzten Jahren aufmerksam lesen müssen. Zwar hat man dort versucht, seine Rechtsaußen-Botschaft marktgerechter zu formulieren - statt "AUSLÄNDER RAUS!" heißt es dort jetzt "FÜR DIE MEINUNGSFREIHEIT (z. B.: 'Ausländer raus')!" - aber ihr Inhalt bleibt derselbe.

In dieses Klima stößt nun Patrick Bahners "Die Panikmacher", ein Buch, das sich mit den publizistischen und politischen Stimmungsmachern auseinandersetzt, denen Bahners vorwirft, dass sie diese fatale Mischung aus Angst und Hass geschürt haben und noch immer weiterschüren. Es ist eine Parade bekannter Namen von Henryk Broder bis Alice Schwarzer, von Udo Ulfkotte bis Ralph Giordano. Von manchem wird Bahners brillante Analyse schon jetzt als heißer Kandidat für das politische Buch des Jahres gehandelt. Man muss sich diesem überbordenden Lob nicht unbedingt anschließen. Zum selben Thema fand ich beispielsweise Kay Sokolowskys Feindbild Moslem erfrischender zu lesen, weil es den Islamophoben immer wieder mit der Schärfe ihrer eigenen Rhetorik begegnet. Bahners hingegen wirkt mitunter ein wenig so, als wolle er ein Horde von Rowdys, die vor der örtlichen Moschee die Besucher mit Dreckklumpen und Steinen bewerfen, einen Vortrag über Kants kategorischen Imperativ halten, womit er sich weit über deren Auffassungsvermögen bewegt. Aber vermutlich will Bahners in erster Linie nicht die Fremdenfeinde selbst erreichen, sondern die Gemeinschaft verantwortungsbewusster Bürger, die diesen Rowdys endlich ein entschiedenes "So nicht!" entgegenhalten und sie in ihre Schranken weisen müsste. Stattdessen lassen sich die einen dazu verleiten, bei den Angriffen auf Muslime selbst tüchtig mitzumischen, während die anderen applaudieren und die Rowdys als bemerkenswert mutig loben, wenn diese bei ihren Attacken besonders harte Steine und besonders große Dreckklumpen verwenden.

Bahners jedoch tritt den Rowdys entgegen, und wenn ihm in seinem Buch die eine oder andere Passage etwas langatmig gerät, trifft seine Kritik doch auch immer wieder ins Schwarze. "Als Held des Klartextes ließ sich Sarrazin feiern", schreibt er beispielsweise, "doch seine Anhänger brechen in ein klägliches Geschrei aus, als die von ihm als naiv und feige denunzierten Politiker ebenso deutlich antworteten". Dass diese Stärke leider nicht alle Politiker zeigten ist auch Bahners klar: "Mit triumphaler Häme wurde in den islamfeindlichen Medien vermerkt, dass die Politiker, die Sarrazins Buch nicht hatten lesen wollen, nach wenigen Wochen wie Sarrazin-Klone klangen." Dieses wetterwendische Verhalten war verschiedenen Umfrageergebnissen zu verschulden, wozu Bahners anmerkt: "Mittlerweile gilt in den Islamdebatten das Prinzip der Rücksichtnahme auf die Nichtmuslime, deren Sorgen zu beachtlichen Anteilen eingebildet sind. (...) Nach pragmatischen Regeln eines endlosen Anhörungsprozesses (...) wird inzwischen die nationale Öffentlichkeit behandelt, die in einen dauerhaften psychischen Ausnahmezustand abzurutschen droht. (...) Heute beklagen Bürger, die sich als Kommunionhelfer, Elternsprecher und Amazon-Rezensenten engagieren, in Eingaben an ihre Bundestagsabgeordneten, dass Muslime ihnen zu nahe kommen, wenn sie irgendwo in Deutschland nach den Regeln ihres Glaubens leben. Wie sollen Christdemokraten (...) die 58,4 Prozent der Deutschen ernst nehmen, die (...) der Aussage zustimmen, dass für Muslime die Religionsausübung erheblich eingeschränkt werden sollte?" Etwa indem sie ihnen sagten: Schlagen Sie sich das aus dem Kopf und sehen Sie noch einmal im Grundgesetz nach? Genau das, ist man auf Bahners rhetorische Frage geneigt zu antworten. Denn exakt deshalb haben wir diese Passage im Grundgesetz: damit eine gezielt aufgehetzte und teilweise hassprühende Masse niemals wieder zu empörenden Maßnahmen gegen eine religiöse Minderheit schreiten kann.

Aber handelt es sich wirklich um "zu beachtlichen Anteilen eingebildeten" Sorgen dieser Bürger, wie Bahners schreibt? Dem ist so - und um das zu illustrieren braucht Bahners nur einmal mehr die zahllosen Wanderlegenden der islamophoben Szene (gerne von etablierten Journalisten übernommen) zu schildern, die die bisherige Literatur zur Islamophobie und Blogs wie das BILDblog bereits umfassend aufgedeckt haben. Dabei weiß Bahners, dass auch noch so fundierte Aufklärung vielfach schnell ihre Grenzen erreicht: "Die abseitigen Geschichten, mit denen die Islamkritik ihr Publikum erschreckt und unterhält, sind immun gegen empirische Widerlegung. Sie passen sich gegebenenfalls an, durch Verlegung oder Umdatierung des Geschehens oder durch Tilgung von Namen. Und wenn eine diskreditierte Story einmal in der Versenkung verschwunden ist, kehrt sie früher oder später im Triumph wieder."

Bahners zeigt, wie sich das System des islamophoben Denkens immer wieder selbst bestätigt: Ein Moslem, der vom Dschihad spricht, ist darin ohnehin von Übel, aber einer, der das nicht tut, erst recht, denn er begeht aus islamophober Sicht "Taqyya": Er gilt als besonders verlogen, weil er die Ungläubigen darüber hinwegtäusche, dass er sie eigentlich alle umbringen will. Einen guten Moslem kann es in diesem Denken niemals geben. Bahners macht hier darauf aufmerksam, dass dieser Verfolgungswahn nichts wesentlich Neues ist, sondern etwa schon 1964 von Richard Hofstadter in dessen Text "The Paranoid Style in American Politics" behandelt wurde. Hoftstadter, so Bahners, "beschrieb das Phänomen, dass vernünftige, normale Menschen wie Paranoiker handeln, wenn es um die Politik geht: Sie sehen überall Feinde, sie wähnen ihre Zivilisation unterwandert, sie wappnen sich für den Endkampf gegen die Agenten der Weltverschwörung." Alles schon zigfach dagewesen, nur die Rolle des Volksfeinds Nummer eins hat immer wieder gewechselt.

Dabei haben die Islamophoben selbst, auch das macht Bahners klar, ist, keinerlei brauchbare Lösungsvorschläge für das von ihnen konstruierte Problem anzubieten. Sarrazins "eugenische Maßnahmen" sind ebenso realitätsfremd wie die Forderung nach Massendeportationen. Henryk Broder scheint auf widersinnige Weise fast stolz darauf, keinerlei konstruktiven Vorschläge anbieten zu können. Von Thomas Steinfeld sarkastisch zur Diskussion gestellte Maßnahmen ("Einrichtung von Ghettos innerhalb Deutschlands? Eine gigantische Umerziehung und Zwangsbekehrung der Muslime zum Säkularen?") sind ebenso indiskutabel. Natürlich brauchen die Islamophoben keine Lösungsvorschläge in ihrer Ideologie, weil die Hysterie dem Hysteriker als Selbstzweck genügt. Aber politisch bleibt eine solche Bewegung so im Endeffekt verlässlich impotent. Alles, was sie zuwege bringt, ist die Gruppe der alteingesessenen Deutschen in ihrer Angstwut kochen zu lassen und etlichen Muslimen das Leben zur Hölle zu machen. Es ist vor allem die muslimische Elite, die Deutschland inzwischen scharenweise verlässt, um beispielsweise in die Türkei zurückzukehren. Die tatsächlichen Problemfälle bleiben.

Zuletzt ist mit Blick auf Bahners "Panikmacher" positiv hervorzuheben, wie sehr dieses Buch verdeutlicht, dass die Kluft zwischen den Islamophoben und den anderen gerade nicht zwischen Rechten und Linken verläuft. Bahners selbst ist Feuilletonchef der konservativen FAZ. Jan Fleischhauer, wortmächtiger Wegbereiter eines neuen Konservativismus und Kritiker der Linken, outete das Publikum Thilo Sarrazins als einen "Mob, ein Angestelltenpöbel (...) der zischend, johlend und klatschend seiner Aggression freien Lauf ließ". Roland Koch (Roland Koch!) prangerte Sarrazins Thesen als "verquasten Unsinn" an, vor dem es ihm grausen würde - "jenseits des Verständnisses von Menschenwürde, das gerade Konservative haben". Und Ruprecht Polenz (ebenfalls CDU) thematisierte, dass Henryk Broder auf seiner "Achse des Guten" inzwischen auch ein Mitglied von Pro Köln gegen Türken hetzen lasse - ein Skandal, der meines Wissens von keiner einzigen linken Zeitung aufgegriffen wurde.

Auf der anderen Seite ließ die linke "taz" nicht nur Henryk Broder Thilo Sarrazin interviewen, sie übernahm auch ebenso wie die linksliberale "Süddeutsche Zeitung" erschreckend leichtfertig eine - wie Bahners aufzeigt - marktgerecht irreführende Kurzdarstellung Christian Pfeiffers über eine Studie, die vermeintlich den Zusammenhang von Religion und Gewalt aufzeigte (das aber in Wahrheit nicht tat). Die sich vermutlich ebenfalls immer noch links positionierende Alice Schwarzer wird von Bahners in einer besonders ausführlichen Passage bloßgestellt. Er wirft ihr nachvollziehbar vor, Texte, über die sie schreibt, nur flüchtig zu lesen oder absichtlich zu verzerren, das "irreführende Zitieren" habe bei ihr "Methode", mitunter bleibt in ihren Veröffentlichungen auch schon mal eine absurd falsche Darstellung stehen. Im Endeffekt führt sie das zu Verstiegenheiten wie der Behauptung, die Islamisten würden "vermutlich leider nicht mehr nur mit demokratischen Mitteln zu stoppen sein". Bahners merkt hierzu treffsicher an: "Der Kreuzzug der EMMA gegen die Muslime beiderlei Geschlechts ist ein bemerkenswertes Datum in der Geschichte des Feminismus. (...) Die Frauenbewegung sieht sich heute offenbar ein für allemal auf der Seite der Sieger: So kann Alice Schwarzer der Minderheitenschutz egal sein."

Warum sich immer wieder auch Konservative der islamophoben Polemik entgegenstellen, verdeutlicht Bahners mit dem Verweis auf deren Orientierung an bestimmten Werten: "Dass man im bürgerlichen Leben auf den Ton der eigenen Äußerungen achtet, zumal dann, wenn man nicht alle Adressaten persönlich kennt, bezeichnet das Zivile an der zivilisierten Kommunikation." Die Schicklichkeit lege es einem nahe, "nicht von jeder rechtlich gegebenen Möglichkeit der Meinungsäußerung, das heißt der Adressierung, Akzentuierung und vor allem der Lautstärke, tatsächlich auch Gebrauch zu machen." Im schrillen Gegensatz dazu stehen die Pöbeleien und Unflätigkeiten nicht nur der islamophoben Bloggerszene. Auch für Thilo Sarrazin etwa stellt "Arschloch" (gerichtet an Michel Friedman) offenbar eine angemessene Form von Kommunikation dar. Henryk Broder, so berichtete es am 16. Februar der Tagesspiegel, glänzte in einer Diskussion an Sarrazins Seite gar, indem er einen Kritiker fünf- bis sechsmal hintereinander mit diesem Schimpfwort bedachte (einschließlich skuriller Erweiterungen wie "doppeltes Riesenarschloch"). Solche Anfälle von Tourette sorgen zwar für Aufmerksamkeit und in Anti-Islam-Blogs wegen des Unterhaltungswerts für hohe Zugriffzahlen; sie übertönen aber auch, dass die Schimpfenden wenig Substanzielles für die Debatte beizutragen haben. Bahners Niveau liegt wesentlich höher. Diejenigen Leser, die dieses Niveau teilen, dürfte er mit seinem Buch mehr als zufriedenstellen.

 
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© DAG am Mittwoch, 18. Oktober 2017
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