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Al-Andalus - Wie der Islam nach Europa kam PDF Drucken E-Mail
Donnerstag 10.03.2011, 07:02 • von FOCUS-Online-Autor Frieder Leipold

Vor 1300 Jahren setzte der islamische Kriegsherr Tariq über die Meerenge von Gibraltar und eroberte weite Teile der spanischen Halbinsel. In der Folge entstand ein muslimisches Reich, in dem Wissenschaft und Kunst gefördert wurden und religiöse Freizügigkeit herrschte.
Algebra, Algorithmus, Ziffer – diese Lehnwörter aus dem Arabischen sind ein Nachhall einer Zeit, als Wissenschaft in Europa vor allem im islamischen Spanien praktiziert wurde. Ihren Anfang nahm die muslimische Epoche auf der iberischen Halbinsel vor 1300 Jahren im Zuge der Expansion des Islam im gesamten Mittelmeerraum.
Bis an die Pyrenäen
Im Frühjahr des Jahres 711 endete das Reich der Westgoten in Spanien. Unter ihrem Heerführer Tariq ibn Ziyad drangen muslimische Eroberer weit ins Festland ein. Innerhalb weniger Jahre hatten sie weite Teile der spanischen Halbinsel erobert und siedelten sich in den besetzten Gebieten an. Sie drangen jedoch auch durch das Rhonetal bis ins Herzen Frankreichs vor, bis sie von dem fränkischen Fürsten Karl Martell in der Schlacht bei Tours und Poitiers besiegt wurden. Später wurde diese Schlacht zur Errettung des Abendlandes vor den Muslimen hochstilisiert.
 
Der Islamwissenschaftler Marco Schöller vermutet jedoch ganz andere Gründe, weshalb die islamische Expansion an den Pyrenäen endete: „Die Ausbreitung hat sich in den weiten Gebieten Spaniens totgelaufen. Man hatte einfach nicht genug Leute, dass weitere Eroberungen Sinn gemacht hätten.“ Ein weiterer Grund mag sein, dass sich in Spanien die Berber, die die einfachen Soldaten stellten, gegen die herrschenden Araber erhoben, weil sie bei der Verteilung des eroberten Territoriums die schlechteren Gebiete zugewiesen bekommen hatten.

Goldenes Zeitalter der Wissenschaften
Der große Aufschwung für Al-Andalus, wie die Muslime ihre neue Heimat nannten, kam mit der Dynastie der Umayyaden, die aus den arabischen Gebieten nach Spanien fliehen mussten. Dort errichteten sie das Emirat von Cordoba und vereinten die eroberten Gebiete zu einem Staatskörper. Im Jahr 929 nahm der Herrscher von Cordoba sogar den Titel eines Kalifen an, wodurch er seine Unabhängigkeit von den übrigen islamischen Reichen betonte. Nun begann das goldene Zeitalter der Wissenschaften im mittelalterlichen Spanien.
In Quellen ist die Rede von 70 öffentlichen Bibliotheken und 50 Krankenhäusern allein in Cordoba. Eine Bibliothek soll ganze 500 000 Bücher besessen haben – so viele, wie die Stadt Einwohner hatte. Marco Schöller warnt aber davor, diese Zahlen für bare Münze zu nehmen: „Die Zahlenangaben in mittelalterlichen Quellen sind oft symbolisch zu verstehen. Das Angebot muss aber wohl sehr reichhaltig gewesen sein, dass Zeitgenossen solche Zahlen nennen.“

Das antike Erbe
Unbestritten ist das Wirken von zahlreichen herausragenden Wissenschaftlern in Al-Andalus. Einer der berühmtesten war Albucasis, der mit seiner 30-bändigen Schrift „At-Tasrif“ ein medizinisches Standardwerk schuf, das im mittelalterlichen Europa weite Verbreitung fand. Ein anderer war der Philosoph und Mediziner Averroes, der später von Dante in der göttlichen Komödie erwähnt wird und von Rafael in der Schule von Athen im Vatikan verewigt wurde.

Grund für diese Blütezeit der Wissenschaften waren die griechischen Schriften der Antike, die in Cordoba ins Arabische, Hebräische und Latein übersetzt wurden. Für Marco Schöller hatten diese Schriften auch große Auswirkung auf die christlichen Wissenschaftler an der Schwelle zur Renaissance: „Diese Texte wanderten durch Spanien ins christliche Europa in Metropolen wie Paris oder Köln.“ Dort entstanden Ideen, die die Vorstellungen des Mittelalters durchbrachen und im christlichen Europa die Neuzeit einläuteten.

La Convivencia
Der offene geistige Austausch in Al-Andalus lag jedoch auch an der religiösen Freizügigkeit. Obwohl die Herrscher Sunniten waren, waren auch Muslime anderer Glaubensrichtungen geduldet, als auch Juden und Christen. Und so befanden sich unter der wissenschaftlichen Elite auch „Andersgläubige“, wie der Jude Moses Maimonides. Marco Schöller schätzt den allgemein üblichen Umgang untereinander als unverkrampft ein: „Das Zusammenleben dürfte relativ entspannt verlaufen sein. Es gab zwar muslimische Schriften mit rigiden Vorschriften. Dabei handelte es sich aber um theoretische Traktate, die eben etwas einfordern, was so nicht praktiziert wurde.“

Doch mit dem Ende des Kalifats 1031 verschlechterte sich das friedliche Zusammenleben, die Convivencia. Es kam zu einem Pogrom gegen die Juden von Granada, bei dem Tausende ermordet wurden. Viele Juden, unter ihnen Moses Maimonides, wanderten in tolerantere Gebiete am östlichen Mittelmeer oder in die aufstrebenden christlichen Königreiche in Westspanien aus.

Reconquista
Diese christlichen Königreiche dehnten ihren Einflussbereich immer weiter aus, bis schließlich die Idee geboren war, die Muslime ganz aus Spanien zu verdrängen. Dieser Vorgang wurde später als Reconquista, als Rückeroberung bezeichnet. In den folgenden Jahrhunderten wurde sogar ein heiliger Krieg erklärt und selbst militärische Interventionen aus dem islamischen Nordafrika konnten den Schwund an muslimisch kontrollierten Gebieten nicht aufhalten. Schließlich war nur noch das Emirat Granada als muslimischer Kleinstaat in Spanien übrig, der zum größten Teil aus Wüsten bestand.

„Granada ist in seiner Endphase nur noch dahin vegetiert und war den christlichen Herrschern längst tributpflichtig. Es ist unklar, warum man es so lange bestehen ließ, aber vermutlich gab es einfach Wichtigeres zu tun.“ So beschreibt Marco Schöller die Situation im letzten islamischen Kleinstaat in Spanien. Im Jahr 1492 musste sich dann auch Granada der militärischen Übermacht ergeben. Die territoriale Reconquista war abgeschlossen. Von nun an sollte Spanien nur noch katholisch sein. Das Zeitalter der spanischen Inquisition hatte begonnen.
 

 
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