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9/11 Der Tag, die Angst, die Folgen PDF Drucken E-Mail

Im zehnten Jahrestag der Katastrophe vom 9. September 2001 legt Bernd Greiner diese Arbeit vor. Es ist seine zweite Veröffentlichung in diesem Verlag nach dem 2010 erschienenen Werk „Die Kuba-Krise“. Der Autor ist Leiter des Arbeitsbereichs „Theorie und Geschichte der Gewalt“ am Hamburger Institut für Sozialforschung und Professor am Fachbereich Philosophie und Geschichtswissenschaften der Universität Hamburg.

In der Einleitung rekurriert Bernd Greiner kurz und in bewegenden Worten den Tag, der die Welt bis heute in den Bann zieht. Und er erinnert an die Anschläge der al-Qaida, die dem 9. September in aller Welt folgten. - Schon jetzt eine umfassende Geschichte dieses Jahrzehnts schreiben zu wollen, wäre ein vermessener Anspruch – so urteilt der Autor. Trotzdem hält er die Zeit für gekommen, eine erste Bilanz über die Hintergründe und Folgen des 11. September 2001 zu ziehen.

Das Material, das zur Erarbeitung des Themas ausgewertet werden konnte, ist vielfältig, was sich schon an der Quellenangabe im Anhang ablesen lässt. Bernd Greiner begreift sein vorliegendes Buch als Diskussionsbeitrag zu Fragen, die nicht nur von historischem Interesse sind, wie Außen- und Militärpolitik, sondern auch Bündnisbeziehungen, internationales Völker- und Kriegsrecht umfassen.
 
In den Mittelpunkt seiner Studie stellte er das Thema, „in welcher Weise der ‚Krieg gegen den Terror’ demokratische Werte, Verfahren und Institutionen und mithin jene Fundamente beschädigt, die es gegen die terroristische Herausforderung eigentlich zu stärken gilt.“ In der Einleitung nimmt der Autor eines der Ergebnisse seiner Untersuchungen voraus, nämlich die „seit 9/11 feststellbaren Beschädigungen des Rechtsstaates in Europa und nicht zuletzt auf Grund der Tatsache, dass der ‚Krieg gegen den Terror’ die Wahrscheinlichkeit künftiger Anschläge nicht reduziert, sondern erhöht hat.“
 
Seine Abhandlung strukturierte Bernd Greiner in Kapitel mit Untergliederungen. Den Tag des 11. September beschreibt er anhand des Funkverkehrs und der Telefonate, die Passagiere der entführten Maschinen mit ihren Angehörigen führten. Er analysiert Berichte von Augenzeugen, Fotos, Filme und natürlich das zugängliche Archivmaterial. Er entkräftet zahlreiche Legenden, z.B. über ein abgeschossenes Flugzeug oder die These, dass dank einer besseren Kooperation von Polizei und Geheimdiensten das Desaster hätte verhindert werden können. Das Kapitel endet mit der Vorstellung von Tätern und Tatgehilfen sowie der Drahtzieher und Hintermänner. – Das Kapitel „Al-Qaida“ beginnt mit dem Lebenslauf Osama Bin Ladens unter der Rubrik ‚Zeitenwende’. Dieser verstehe den Islam nicht als apolitischen Leitfaden für das private Leben, sondern als Kompass öffentlichen Handelns, somit ziele sein Hauptanliegen auf eine Entpolitisierung der Religion. Es folgen Ausführungen zum ersten Dschihad in Afghanistan, Osama Bin Laden als Terror-Unternehmer sowie die Jagd auf ihn. – Das Kapitel „Afghanistan und Irak“ behandelt Sturz und Wiederkehr der Taliban, den „‚Regimewechsel’ im Irak?“, Propagandakrieg sowie Kriegsgründe für den Einmarsch im Irak. Seither streiten sich auch Historiker um die Frage, „weshalb die Regierung Bush gegen Saddam Hussein zu Felde zog und warum sie alle Warnungen vor politisch unkalkulierbaren Folgekosten in den Wind schlug und wieso ihr der Sturz eines Diktators in Bagdad wichtiger schien als eine konsequente Verfolgung von Al-Qaida.“
 
„Ich entscheide, was für die Exekutive Gesetz ist“ lautet der zitierte Ausspruch des damaligen Präsidenten der USA, George W. Bush, mit dem das Kapitel „Eine Neuauflage der ‚Imperialen Präsidentschaft’“ beginnt. Damit leitet Bernd Greiner die Diskussion um Selbstermächtigung der Exekutive, Streit um die Verfassung und die Selbstentmachtung des Kongresses ein. Es liest sich bedrückend, wie der Kongress seine Kontroll- und Aufsichtspflicht nach und nach preisgab.
 
Im Kapitel „Vom Rechtsstaat zum Machtstaat“ zeichnet Bernd Greiner die Ereignisse auf, welche die USA international in Misskredit brachten, nämlich Folter und Gefangenenlager. Diese Vorgänge riefen auch im eigenen Land große Kritik hervor. Unter ‚Korrekturversuche’ schreibt Bernd Greiner, dass es noch nicht ausreichend Quellenmaterial gäbe zu den Fragen: wie weit die Kritik reichte, wer aktiv wurde und welche Initiativen etwas bewirkten. Das, was Bernd Greiner ausführen konnte, ist allerdings sehr aussagekräftig. So geht es auch weiter im letzten Kapitel „Erbmassen“, unterteilt in ‚Präventionsrecht’ und ‚Präventivkrieg’. Es waren hohe Erwartungen, die seine Wählerschaft an den neuen Präsidenten, Barack Obama, stellte. Insbesondere weckte er die Hoffnung auf eine „Wiederherstellung der Rechtsstaatlichkeit“. Wie und warum sich diese nicht erfüllten, wird bis heute diskutiert. Am Ende seiner Ausführungen zitiert Bernd Greiner die Worte des Faisal Shahzad, eines verhinderten Attentäters, in dessen Prozess: „Denn bis zu der Stunde, da die Amerikaner ihre Truppen aus dem Irak und aus Afghanistan abziehen, bis sie ihre Drohnenangriffe in Somalia, im Jemen und in Pakistan einstellen, bis sie nicht länger muslimischen Boden besetzt halten, bis sie aufhören, Muslime zu töten, … werden wir Amerika angreifen…“
 
Anmerkungen, Quellen und ein Register runden die Ausführungen ab. Bernd Greiner analysiert das umfangreiche Material und legt es in diesem interessanten Werk nieder. Auch wenn die Jagd nach Osama Bin Laden vorbei ist, bleibt das Thema aktuell.
 
Helga Walter-Joswig
D-A-G Mitglied
 

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Bernd Greiner
 
Geb., 280 Seiten, 26 Abbildungen mit einer Karte
Verlag C. H. Beck, München 2011
 
ISBN 978 3 406 61244 2
 
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© DAG am Samstag, 19. August 2017
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