Home arrow Kultur / Gesellschaft arrow Schöne Missverständnisse
Schöne Missverständnisse PDF Drucken E-Mail

Der Münchner Kabarettist Christian Springer ist nicht nur ein intimer Kenner der bayerischen Verhältnisse, sondern auch Arabienexperte - über die Region hat er nun ein witziges Buch verfasst

Interview von Volker Isfort

Witz entsteht bei Christian Springer durch Wissen. Der Münchner Kabarettist, der mit seiner Kunstfigur Fonsi, Kassenwart von Neuschwanstein, bundesweit bekannt wurde, hat nun seine große Leidenschaft für die arabische Region vergnüglich und lehrreich verarbeitet. "Wo geht's hier nach Arabien" ist eine äußerst anregende Lektüre. Drei Dutzend deutschsprachige Arabienreisende von Rommel (Krieg) über Schweinsteiger (Trainingslager ) bis Franz Josef Strauß (Großmannssucht) fügt der studierte Orientalist Springer zu einer Kulturgeschichte der meist missglückten Begegnungen.

AZ: Herr Springer, wie haben Sie eigentlich den 11. September 2001 erlebt?

CHRISTIAN SPRINGER: Ich habe mit Ottfried Fischer damals in der Vorwiesnwoche eine Fernsehsendung in einem Festzeit geprobt. Am 11. September war ich krank, ich war der erste Mensch, der auf der Wiesn 2001 gespieben hat. Dann habe ich den Rest des Tages im Delirium zunause gelegen und immer wenn ich aufgewacht bin, ist im Fernseher das Flugzeug in die Twin Towers gecrasht.

Welche Gedanken schwirrten Ihnen durch den Kopf?

Ich dachte, oh Gott, jetzt sind die Araber ganz unten durch im Ansehen. Wobei aber der allererste Gedanke wie bei jedem Menschen einfach war: wie schrecklich das alles ist.

Was gab den Anstoß zu Ihrem Buch?

Immer wenn ich aus Arabien nach Hause fliege, sitze ich da und denke: du musst deine Geschichten mal aufschreiben. Das musste einfach raus, und so ist eine iIIustre Sammlung aus historischen Anekdoten und persönlichen Begegnungen entstanden, die - so unwahrscheinlich manche anmuten - aber alle stimmen. So zum Beispiel, dass ich an einem Kiosk in Damaskus den Übersetzer von Franz Josef Strauß getroffen habe.
 
Der Ihnen erzählte, dass Strauß immer beim syrischen Verteidigungsminister Mustafa TIass gewohnt habe, der eng mit ihm befreundet war.

Tlass hat nicht nur antisemitische Pamphlete verlegt - sogar eine Übersetzung von Hitlers "Mein Kampf' - er war auch für unglaubliche Greueltaten verantwortlich. Strauß war vier Mal dort und hat darüber im Vorfeld nicht einmal die Bundesregierung informiert. Kohl hat getobt.

Ihre kabarettistische Wut bekommt hingegen der Wüsten-Abenteurer und Fotograf Michael Martin zu spüren. Sie nennen ihn "eine Mischung aus Xavier Naidoo und Winnetou" und "der Benjamin Blümchen der Sahara".

Die Personen, die im Buch auftauchen, sind Beispiele, wie sich ein Typus in der arabischen Welt verhält. Michael Martin ist der Typus des Abenteurers, der Ganze mit DiaShows in bare Münze umsetzt. Das ist sein gutes Recht. Und mein Recht ist es, mich darüber lustig zu machen. Auch Strauß steht für einen Typ Politiker, der in der arabischen Welt Geschäfte macht.

Für Sie gilt "Ben Wisch", Ex- Außenminister Hans-Jürgen Wischnewski, als der letzte deutsche Politiker mit Gespür für Arabien.

Absolut! Es taucht im Buch aber auch Loki Schmidt auf. Ehefrau des Bundeskanzlers,  den heute noch die meisten Deutschen wählen würden. Sie war mit Dschihan as-Sadat, der Gattin des später ermordeten ägyptischen Präsidenten sehr eng befreundet. Die beiden haben sich über Mädchenausbildung unterhalten, davon ist auch einiges in die ägyptische Politik eingeflossen. Heute gibt es keinen deutschen Politiker, der überhaupt noch den Namen einer arabischen´Politikerin kennt. Wir haben uns sehr weit von der arabischen Welt entfernt und nur noch Wirtschaftspolitik betrieben.

Ein Fehler, der sich nun rächt?

Wenn man sieht, wie groß die Sehnsucht in Libyen war, Unterstützung aus Europa zu bekommen, wie sehr man jetzt dort Sarkozy verehrt, der die Rebellen mit Waffen und Geld unterstützt hat, dann hat es bei uns viele Versäumnisse gegeben.

Sie werfen den deutschen Korrespondenten vor, die arabische Protestbewegung anfangs unterschätzt zu haben. Das haben Sie von München aus aber sicherlich auch.

Es ist jetzt ein bisschen vermessen, das zu erzählen, aber ich war im Januar in Beirut und Damaskus und habe ständig gedacht, irgendwie ist die Stimmung anders als sonst. Ich hätte die Vorboten des arabischen Frühlings spüren können. Man merkt, dass sich etwas tut, ohne es aber zu analysieren.

Das Bild der Deutschen von Arabien ist von Klischees bestimmt - umgekehrt gilt das natürlich auch, oder?

Selbstverständlich, aber ich bin ja kein Feind von Klischees, ich lebe ja als Kabarettist davon. Mein Buch ist ein Aufruf, näher hinzuschauen, und sein Handeln nicht von Klischees bestimmen zu lassen.

Vor allem ist es eine Wundertüte von Entdeckungen. Karl Marx ließ sich wirklich 1882 seinen Vollbart in Algier abrasieren?

Diese Geschichte liebe ich ganz besonders: Das Symbol des Kommunismus, diese Wuschelhaare und dieser Rauschebart, von dem die letzten Fotos in Algier gemacht wurden. Drei Wochen später ging er zum Friseur, weil es inzwischen so warm war, ließ sich Mähne und Bart abnehmen und noch einmal fotografieren. Dieses Bild gibt es natürlich nicht, weil niemand, der den kahlen alten Mann gesehen hätte, je auf Karl Marx gekommen wäre.

Sie deuten es ja im Buch an, die Möglichkeit einer Geheimdienstkarriere wäre mit dem Wissen der arabischen Sprache möglich gewesen.

Damals hätte mich das vielleicht irgendwie gereizt, aber ich hatte immer den Eindruck. dann auf der falschen Seite zu stehen. Man wusste damals schon, traditionsgemäß ist der syrische Geheimdienst mit dem deutschen Geheimdienst befreundet. Die tauschen sich aus. Gleichzeitig wusste ich, dass das syrische Regime auf Folter und Unterdrückung beruht - und da kann man einfach nicht mitspielen. Ich bin kein Huttyp. Schlapphüte stehen mir nicht.

Das wäre eher was was für Ihren Kollegen Frank-Markus Barwasser?

Na, der Erwin Pelzig wäre ein völlig untauglicher Geheimdienstler, der plaudert ja alles aus. .

Wie sehen Sie die aktuelle Entwicklung?

Ich glaube. der normale Mensch wünscht sich eine große Demokratie Arabiens. Unsere Regierungen aber brauchen dort gar keine Demokratie, denn mit den Despoten auf dieser Erde hatten die immer ein ganz gutes Auskommen. Alle westlichen Geheimdienste haben Gaddafi unterstützt, Syrien erhält noch Entwicklungshilfe, obwohl das Regime das Volk umbringt.

Aber vielleicht erkennen die westlichen Politiker jetzt auch ihre Fehler?

Wir sollten uns aber davon lösen, immer alles sofort analysieren zu können und zu wissen, wie es ausgeht. Wir müssen uns in dieser Zeit des Umbruchs auch damit begnügen zu sagen: Wir wissen nicht, was entstehen wird - und meine Freunde in der arabischen Welt, mit denen ich Kontakt habe, wissen es derzeit auch nicht.

Christian Springer: Der 46-jährige Münchner studierte an der LMU Semitistik und Philologie des christlichen Orients und Bayerische Literatur.
"Wo geht's hier nach Arabien" (Blessing, 224 S., 17.95 Euro)

Den vollständigen Artikel finden Sie in der Abendzeitung München vom 10./11.9. 2011
 

 
< zurück   weiter >
© DAG am Dienstag, 25. Juni 2019
Powered by Joomla