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Israels Vorgehen - verstörend für viele Europäer PDF Drucken E-Mail

Zu "Isoliert und missverstanden" (F.A.Z. vom 15. September): Gil Yaron hat recht mit seiner Erkenntnis, dass sich weite Teile Europas von Israel abgewandt, um nicht zu sagen, mit diesem Staat gebrochen haben. Die Zeiten, da es jüngeren Menschen bei uns ein Anliegen war, in den Kibbuzim Freiwilligendienst zu leisten, gehören der Vergangenheit an. Es ist dabei nicht die Rhetorik, welche uns die Seiten hat wechseln lassen, sondern es sind die Realitäten der israelischen Blockade im Verbund mit militärischen Einsätzen wie 2009 im Gazastreifen oder 2010 gegen die internationale Hilfsflotte für Palästina. Das von Israel aufgezogene Konstrukt einer vollständigen Kontrolle und Überwachung hat zu weitverbreiteter Hoffnungslosigkeit unter der palästinensischen Bevölkerung im Gazastreifen geführt.

Die Arbeitslosigkeit dort beträgt mehr als vierzig Prozent, und siebzig Prozent der staatenlosen Menschen fristen ein Dasein unterhalb der Armutsgrenze. Eine eiserne Blockade und Boykottmaßnahmen haben gute Arbeit geleistet, und Besserung ist nicht in Sicht. Gleichzeitig sehen sich die Palästinenser gezwungen, Treibstoff und andere lebenswichtige Güter aus Israel zu importieren, und dies zu höheren Preisen als in anderen Nachbarländern angeboten, worüber sich wenigstens die israelische Unternehmerschaft freuen dürfte.

Angesichts des Elends ist es eigentlich verwunderlich, dass die Mehrheit der Bevölkerung die von Israel aufgezwungene "Käfighaltung" so schicksalhaft hinnimmt. Niemand will Israel das Recht absprechen, auf Anschläge der Palästinenser militärisch zu reagieren, auch wenn dies im Alleingang geschieht. Abscheu und Verachtung schlagen allerdings dem entgegen, der derart monströs und unerbittlich Gewalt einsetzt, wie die dank finanzieller Unterstützung und dem Technologietransfer aus den Vereinigten Staaten hochgerüstete israelische Armee, bis hin zur Grenze, wo Menschenrechte verletzt werden.
Wie ist das vereinbar mit einem Rechtsstaat, der für Grundwerte des menschlichen Zusammenlebens eintritt? Zumindest auf uns Europäer wirkt dies schockierend und verstörend. Beim letzten Gazakrieg standen am Ende zehn getöteten Israelis etwa 1400 tote Palästinenser gegenüber, eine Opfersymmetrie ohne Parallele. Bei der Erstürmung eines Gaza-Hilfsschiffes im Mittelmeer schreckte Israel nicht davor zurück, türkische Aktivisten durch Schüsse in den Rücken auszuschalten.
 
Die Radikalisierung innerhalb der israelischen Politik lässt für die Zukunft wenig Gutes erahnen, und die Demütigungen und Erniedrigungen des palästinensischen Volkes dürften denn auch kein Ende nehmen. Dass das von Israel mit viel Kalkül produzierte Leid unter den Palästinensern von der Weltöffentlichkeit stillschweigend hingenommen wird, ist auch der einseitigen Haltung der Vereinigten Staaten zuzuschreiben, welche seit Jahren vorgeben, als Vermittler eine Einigung unter den Streitparteien herbeizuführen. Nachdem auch die Obama-Administration unter dem Druck einer einflussreichen Lobby hat kapitulieren müssen, haben sich die Hoffnungen auf eine Verhandlungslösung völlig zerschlagen.
Und, ja doch, wir haben längst verstanden, die unsägliche Misere ist nichts anderes als von den Palästinensern selbst verursacht und unverzichtbar, um die Sicherheit Israels zu gewährleisten, nicht zu sprechen von Israels Selbstbestimmungs- und Existenzrecht. So einfach ist das.
 
Peter Schuppli, Wädenswil, Schweiz

Text: F.A.Z., 21.09.2011, Nr. 220 / Seite 17
 
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