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Sheikh Hassan – Visionärer Kunstmäzen in Qatar PDF Drucken E-Mail

Sheikh Hassan bin Mohammed bin Ali Al Thani, Vice Chairperson der Qatar Museums Authority (QMA) und Gründer des Ende 2010 eröffneten Museums Mathaf: Arab Museum of Modern Art gehört zur Familie des regierenden Emirs. Er ist der „Kunst-Motor“ im Wüstenstaat.

Im vergangenen Jahr beging er seinen fünfzigsten Geburtstag. Zielstrebig und konsequent setzt er sich für die Förderung von Kunst und Kultur ein - und das bereits seit den 1980-er Jahren, als sich so gut wie niemand in den Arabischen Golfstaaten und im Mittleren Osten für moderne und zeitgenössische Kunst interessierte. Damals begann seine Neugier, arabische Kunst zu entdecken. Er besuchte Vorlesungen über Kunstgeschichte, die es immerhin an der Qatar University gab und knüpfte Kontakte mit Künstlern auf seinen vielen Reisen in der Region. Seine in über 30 Jahren gesammelten Gemälde sind Ausdruck einer tiefen Sammelleidenschaft, die zu einer einzigartigen Sammlung von Werken arabischer Künstler heranwuchs, in der die einflussreichsten Künstler und kritische Kunstbewegungen vertreten sind. Das Außergewöhnliche an dieser Sammlung ist, dass sie die Kunstentwicklung der letzten 180 Jahre in der gesamten Arabischen Welt widerspiegelt.

Bei der Begegnung im März 2011 während des Global Art Forums im Mathaf beeindrucken Souveränität, Persönlichkeit und Intellekt. Herzlichkeit, Offenheit, Großzügigkeit und Aufgeschlossenheit sind selbstverständlich nach jahrzehntelangem Umgang mit Künstlern. Gern erzählt er am Rande eines traditionellen, qatarischen Dinners in einem seiner Gästehäuser, zu dem Museumsdirektoren, Kuratoren und Medienvertreter aus aller Welt eingeladen sind, über die Ursprungsidee für Mathaf: „Ich wollte etwas Neues und die Idee für das Kunstmuseum habe ich seit 1994. Zunächst wollte ich alles persönlich finanzieren, aber im Jahr 2003 gab ich die Sammlung in die Obhut der Qatar Foundation, geführt von Sheikha Mozah bint Nasser Al Missned (Ehefrau des Emirs), die bereit war, die Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das jetzige Gebäude, eine umgebaute Schule in Education City ist nur eine Interimslösung, das endgültige Museum für Arabische Kunst soll einmal so bekannt und berühmt werden, wie das Museum of Islamic Art an der Corniche“. An Plänen herrscht kein Mangel, bereits vor zwei Jahren waren Architekten gefunden, die das Museumsgebäude in Form riesiger Dünen entworfen hatten – als Ort für insgesamt etwa 10.000 Objekte, die die Sammlung von Sheikh Hassan inzwischen umfasst. Neben der Gemäldesammlung von über 6.000 Werken handelt es sich um Arabische Kalligrafie: von Koranmanuskripten aus frühen islamischen Jahrhunderten bis zur modernen Kalligrafie sowie bis zu 5.000 Jahre alte antike Skulpturen, Metallarbeiten und Keramiken, die den Einfluss der antiken Zivilisationen wie z. B. Mesopotamien, Syrien und Ägypten auf die moderne Arabische Kunst zeigen.Die Entwürfe des Museums waren schon im Internet veröffentlicht. Spekulation liegt nahe: vielleicht war der Grund, diese Pläne zu begraben die Tatsache, dass die Vereinigten Arabischen Emirate schneller waren und mit einem solchen Dünen-Bau für ihren Pavillon bei der EXPO 2010 in Shanghai für Furore sorgten? Die Konstruktion erregte soviel internationales Aufsehen und Aufmerksamkeit, dass dieser Pavillon als erster in der EXPO-Geschichte der VAE in der Heimat auf Dauer wieder aufgebaut wird – auf der Insel Saadiyat in Abu Dhabi. „Wir werden innerhalb der nächsten Monate einen neuen Plan für das Museum vorlegen, außerdem planen wir ein Forschungszentrum. Ich habe eine Langzeitvision, die auch andere Bereiche einschließt, z. B. die Bildung in der Kunst. Ich bin glücklich, dass der Emir und seine Ehefrau meine Ideen unterstützen“, so Sheikh Hassan. „Bis zur Realisierung des neuen Museumsbaus geht es uns darum, mit Mathaf für die Arabische zeitgenössische moderne Kunst in Qatar zu werben“. - Einfach ist das freilich nicht, denn kaum ein Taxifahrer kennt Mathaf, geschweige denn den Ort des Museums und auch in Doha selbst ist die Anzahl der Kunst-Galerien im von Besuchern stark frequentierten Souk Waqif eher geschrumpft.
 

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Sheikh Hassan ist nicht nur Kunstsammler, sondern auch Kunstmäzen. Jahrelang hat er in seinem Privatmuseum für Orientalische Kunst in Doha Irakischen Künstlern Unterschlupf gewährt, die aus ihrer Heimat geflohen waren und hier in Ruhe arbeiten konnten – mit Material, das Sheikh Hassan ihnen zur Verfügung stellte. Eine gesonderte Abteilung im Mathaf zeigt Werke Irakischer Künstler aus dieser Zeit. – Seine Sammelleidenschaft bezieht sich auch auf Bücher. Berühmt ist seine Sammlung historischer Reiseberichte von Reisenden auf der Arabischen Halbinsel und im mittleren Osten, die die Dimensionen eines wertvollen Archivs angenommen haben, das bei internationalen Forschern gefragt ist. – Eine große Vorliebe gilt der Umwelt - bereits seit Beginn der 1980-er Jahre, als man sich weltweit für das Umweltthema zu interessieren begann. Insbesondere setzt Sheikh Hassan sich für gefährdete Arten ein und gründete den Al Wabra National Park in Qatar, der bei internationalen Institutionen und Umweltorganisationen hoch angesehen ist.

Und last but not least ist Sheikh Hassan selbst als Künstler kreativ tätig, er malt in Öl auf Leinwand, betätigt sich als Bildhauer und Fotograf. Letzteres ist besonders interessant: wie fotografiert ein intellektueller Araber in der Arabischen Welt, der einerseits selbst künstlerisch tätig, andererseits quasi Unternehmer in Sachen Kunst und Kultur ist und dem reichlich finanzielle Mittel zur Verfügung stehen – für Kamera-Ausrüstung und Reisebudget? Sein technisches Interesse ließ ihn eine Sammlung von Vintage Kameras erwerben, die älteste aus dem Jahr 1840. Die Sammlung wurde im Jahr 2001 in Doha ausgestellt. „Schon als Jugendlicher fotografierte ich und nach meiner Promotion in Geschichte wurde dies zur Leidenschaft. Meine ersten Foto-Reisen führten mich auf Safaris in Afrika und Jagdpartien in das Leere Viertel, die Wüste in Saudi-Arabien und Oman. Danach zog es mich in den Sudan, nach Somalia und Kenia und zurück auf die Arabische Halbinsel, wo ich dann – auch fotografisch gesehen – meine Wurzeln fand. Besonders fasziniert hat mich der Jemen. Das erste Mal war ich 1977 dort, danach besuchte ich das Land acht Mal zwischen 2004 und 2006“. Er überreicht einen schweren und großformatigen Fotoband: das Ergebnis dieser Jemen-Reisen.
 
„A Vision of Yemen – Regard sur le Yemen“ heißt das Buch, in dem eine Auswahl seiner stimmungsvollen Jemen-Fotos – in Farbe und schwarz/weiß - veröffentlicht ist. Der einzige Text im Buch sind je 5 Seiten in Englischer und Französischer Sprache, sehr einfühlsam verfasst von Nicole de Pontcharra, die beeindruckt ist von dem fotografischen Werk eines Historikers, Künstlers und Fotografen in einer Person. Zu seinen ausdrucksstärksten Fotos gehören die s/w-Fotos von Luhayyah in ihrer morbiden Schönheit des Verfalls sowie die Ansicht von Mocha mit dem alten Zitadellen Turm und der Moschee (auch Cover). Besser kann man den Untergang einer Stadt nicht visualisieren: Man spürt den einstigen Reichtum der Stadt mit 100.000 Einwohnern, von denen heute nur noch weniger als hundert übrig sind. Wie ein stummer Zeuge steht auf dem s/w Foto im Vordergrund der Turm mit seinem feinen Decor gegen den wolkenlosen Himmel, verankert im dunklen Sandboden, großartiger Kontrast zur schneeweißen Moschee mit sich verjüngendem Minarett in kunstvoller Dekoration mit 8 sichtbaren Kuppeln im Hintergrund. Der Historiker sieht die geschäftige Stadt mit dem Hafen, aus dem Schiffe voll beladen mit Kaffee in die Welt ausliefen und kann nur noch die Welt der Stille einfangen: lebende Ruinen, die nur zu denen sprechen, die sich in Gedanken in die Vergangenheit versetzen. Den Abschluss des Fotobandes bilden Fotos von Menschen in Alltagsszenen: weise blicken alte Männer mit weißen Bärten, ein Mann schaut einer Frau in schwarzer Abaya nach, nur ihre Augen sind sichtbar, Männer hocken in der Teestube oder trotten durch den Souq in Sana’a, der Bäcker packt frisches Brot in Zeitungspapier, Händler preisen ihre Waren an, junge Männer kauen Qat, lachende Kinder in den Dörfern, das schüchterne Mädchen mit Blumenstrauß und Geldscheinen in Taizz, die entschlossen dreinblickenden Jungen in Marib, die skeptisch blickende alte Frau in Zabid, ... Manche Gesichter kommen einem bekannt vor. („A Vision of Yemen“, 208 Seiten, 183 meist ganzseitige Fotos (davon 135 farbig), Format 28x28 cm, erhältlich z. B. über Amazon)
 

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Text und Fotos: Barbara Schumacher
 
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© DAG am Dienstag, 25. Juni 2019
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