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Der Islam und die Frauen PDF Drucken E-Mail

Dieses Werk ist in einem Verlagshaus erschienen, das sich wie kein anderes weltweit umfassend der Geistes- und Kulturgeschichte widmet. So urteilte die Jury des Magazins BuchMarkt und vergab die Auszeichnung „Verleger des Jahres 2010 dem Chef des Hauses, Wolfgang Beck. - Insbesondere fühlt sich der Verlag verpflichtet, innerhalb seines Verlagsprogramms herausragend die Kulturen des Orients zu vertreten. Es sind zahlreiche Monographien und ganze Buchreihen auf diesem Gebiet erschienen, nachzulesen auf der Homepage des Verlages, www.chbeck.de . Sie werden unter anderem auch auf der Homepage der D-A-G rezensiert und im Literaturarchiv eingestellt.

Irene Schneider ist Professorin für Arabistik und Islamwissenschaft an der Universität Göttingen. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Themen Geschlechterforschung und islamisches Recht. Dazu hat sie bereits zahlreiche Veröffentlichungen vorgelegt. - Im vorliegenden Buch bietet sie ein breites Spektrum an Informationen zu dieser komplexen Thematik. Die wichtigsten Fragen, die sie beantworten möchte, legt sie in ihrem Vorwort dar:

„Kann man von einem islamischen Feminismus sprechen? Welche gesetzlichen Rechte haben Frauen in den heutigen islamischen Staaten, welche Menschenrechte werden ihnen vorenthalten? Welche Rolle spielen der Koran und seine Interpretation in den Auseinandersetzungen um die Rechte der Frau in Vergangenheit und Gegenwart?“

Einen so weit gespannten Bogen auf begrenztem Raum abzuhandeln, macht nicht nur ausgewählte prägnante Ausführungen notwendig, sondern auch räumliche und zeitliche Beschränkung. Irene Schneider versteht somit unter „muslimische Welt“ die Kernregion des Islam, also die Länder des Nahen Ostens und Nordafrikas sowie die Türkei, Iran und Afghanistan. Die Frauenbewegung behandelt sie exemplarisch an Ägypten, dabei Iran und Marokko vergleichend hinzuziehend.

Die Autorin strukturiert ihre Ausführungen in sieben Kapitel mit Untergliederungen: „Die Anfänge“, „Theologie und Recht“, „Sexualität und Liebe“, „Literarische Reflexionen“, „Frauen und Macht“, „Bildung und Beruf“ sowie „Musliminnen in Deutschland“. Im ersten stellt sie kurz das vorislamische Arabien vor, im Islam die „Zeit der Unwissenheit“ genannt sowie Mohammed und seine Frauen. Hier zitiert Irene Schneider einige Koransuren, die den Schleier und das Kopftuch betreffen. Die Interpretationen der vorgestellten Texte geben dazu einen Einblick in die Lebensumstände der damaligen Zeit.

Im umfangreichen Kapitel „Theologie und Recht“ behandelt Irene Schneider zunächst den Koran und den Hadith, die Überlieferung von Aussprüchen und Handlungen Mohammeds. Beide wurden die grundlegenden Quellen des islamischen Rechts. Die nächste Untersuchung gilt den koranischen Regeln zum Geschlechterverhältnis und der Frage, ob eine religiöse Gleichheit zwischen Mann und Frau gegeben ist. Interessant ist, in welchen Ländern heute öffentliche Diskussionen darüber möglich sind, wie die bestehende Gesetzgebung zu reformieren, d.h. zugunsten der Gleichstellung zu verbessern sei. Irene Schneider setzt große Hoffnung auf internationale Konventionen, insbesondere zu Menschenrechtsfragen, die zu adaptieren auch die muslimischen Länder aufgerufen sind.

Zwar bezieht sich die Autorin immer wieder auf die Frühzeit des Islam, greift auch ab und an zurück in die deutsche und europäische Geschichte, aber die Moderne und die Hoffnung, die in dieser liegt, ist ihr besonderes Anliegen. Das schlägt sich in den ausführlichen Abhandlungen zu emanzipatorischen Bemühungen und Bewegungen nieder, explizit im Abschnitt „Feminismus in den Nationalstaaten“. Grundlage ist die rechtliche Situation im 20. und 21. Jahrhundert. Für den Weg in die Moderne hält Irene Schneider fest:

„Das Familien- und Erbrecht in den heutigen islamischen Staaten basiert, anders als das Strafrecht oder das Wirtschafts- und Arbeitsrecht beispielsweise, in einer modernisierten Form auf dem klassischen islamischen Recht. Nur die Türkei verzichtete l926 völlig auf die Kodifizierung islamischen Rechts und übernahm das Schweizer Zivilrecht.“

Die Zahl der Frauen aus dem muslimischen Kulturkreis, die in Europa bekannt sind, ist überschaubar. Es sind Politikerinnen, wie Tansu Ciller, Ministerpräsidentin der Türkei (1993-1996), Benazir Bhutto, Premierministerin von Pakistan (1988-1990 und 1993-1996) sowie Khaleda Zia, Premierministerin in Bangladesh (1991-1996 und 2001-2006). Berühmt wurde Schirin Ebadi, die 2003 für ihren Einsatz für Menschenrechte mit dem Friedensnobelpreis geehrt wurde. Sie ist Juristin und war einst die erste Richterin ihres Landes, bis sie 1979 ihr Amt aufgeben musste. Ebenso wie Ebadi – u.a. mit ihrer Autobiografie „Mein Iran. Ein Leben zwischen Revolution und Hoffnung“ (2006) - sind muslimische Schriftstellerinnen aus verschiedenen arabischen Ländern mit ihren literarischen Beschreibungen zum Leben der Frauen unter dem Islam auf dem westlichen Buchmarkt vertreten, ausführlich vorgestellt im Abschnitt „Literarische Reflexionen“. Viele hatten das Privileg eines aufgeschlossenen Elternhauses, das ihnen eine Bildung auf ausländischen Schulen und Hochschulen ermöglichte; einige haben, manchesmal zwangsläufig, das Exil gewählt.

Irene Schneider beschließt ihr Buch mit der aktuellen Situation von Musliminnen in Deutschland und zeigt auf, dass die weibliche muslimische Präsenz in Deutschland viele Facetten hat. Das schlägt sich u.a. an der Beteiligung von Musliminnen in Vereinen und Organisationen, zunehmend auch in Politik und Wissenschaft nieder. Sie zieht das Fazit:

„Bildung und Ausbildung sind, wie in den islamischen Ländern auch, eine unverzichtbare Voraussetzung dafür, dass junge Frauen ihr Leben selbstbestimmt gestalten und konservative patriarchalische Familienstrukturen aufgebrochen werden können. Das deutsche Bildungssystem, dem die PISA-Studie von 2010 immer noch eine Benachteiligung von Schülerinnen und Schülern aus sozial schwachen Familien bescheinigte, ist hier aufgerufen zu handeln“.

Der Anhang des aufschlussreichen Werks enthält Anmerkungen, ein Literaturverzeichnis einschließlich Quellen aus dem Internet, Glossar und ein Personenregister. Das Buch ist verständlich geschrieben und bietet einen exzellenten Vergleich zum Thema Frauenbild und Frauenrechte zwischen dem Islam und dem christlichen Abendland am Beispiel Deutschlands. Es fördert das Verständnis für die derzeitigen Probleme und beantwortet brisante Fragen, die sich aus dem Zusammenleben der verschiedenen Kulturkreise in unserem Land ergeben.

Helga Walter-Joswig
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Irene Schneider

Der Islam und die Frauen

288 Seiten, € 14,95
München 2011
Verlag C.H. Beck, Beck’sche Reihe
ISBN 978-3-406-62212-0

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