Home arrow Buchrezensionen arrow Tage des Zorns
Tage des Zorns PDF Drucken E-Mail

Der Autor ist ausgewiesener Experte für den Nahen Osten. Er war lange Jahre Korrespondent der Wochenzeitung „DIE ZEIT“, hat alle Länder dieser Region bereist, unter anderem in Damaskus studiert und ist häufig Gast der deutschsprachigen Radio- und Fernsehanstalten.

„Niemand hat die arabische Revolution kommen sehen. Doch dann war sie da, eine Naturgewalt, die Regime stürzte und Gegenrevolutionen entfesselte. Die arabische Welt durchlebt einen epochalen Wandel wie Osteuropa seit 1989. Doch anders als der Fall der Berliner Mauer ruft der arabische Aufstand vielfach Skepsis hervor… Muslime fordern Demokratie? Nicht den Gottesstaat? Stürzen ohne einen einzigen Schuss Mubarak den Pharao? Erheben sich gegen Ghaddafi, und die Nato hilft ihnen dabei?...“

Mit diesen Worten läutet Michael Lüders das Vorwort, genannt „Sultandämmerung“, in seinem Werk ein, das mehr einem Essay denn einem Geschichtswerk gleicht. Anschauliche Überschriften der dreizehn Kapitel führen in die Erklärungen und Beschreibungen des Geschehens von Marokko bis an den Persischen Golf.

Die Aufzeichnungen beginnen mit der Selbstverbrennung eines tunesischen Gemüseverkäufers, Auslöser der landesweiten Proteste und Kundgebungen gegen Ben Ali und sein Regime. Der Diktator stürzte im Januar 2011; über das Internet sowie den Fernsehsender Al-Jazeera wurde das Geschehen in die gesamte arabische Welt getragen. –

Es stellt sich die Frage, warum es keine Demokraten in der arabischen Welt gab. Zum einen liegt der Grund in einer blockierten Entwicklung von einer ländlich geprägten Feudal- in eine städtische Industriegesellschaft. Zum anderen gebieten einzelne Clans mithilfe des Militärs und der Geheimdienste über ganze Staaten. Die Herrscher verstanden sich als Repräsentanten höherer Werte. Bis zur Revolution gab es im Wesentlichen zwei Kategorien politischer Ordnung: traditionelle Monarchien und säkulare Einparteiensysteme. Ein großes Problem in der Staatsentwicklung der arabischen Länder stellen die von den Kolonialmächten willkürlich gezogenen Grenzen dar. Gravierende soziale, gesellschaftliche und politische Probleme nicht nur in der arabischen Welt haben ihre Wurzeln in der Kolonialzeit.

Michael Lüders analysiert die Angst vor dem Wandel im Westen in seinen Berichten über die Demonstrationen in Ägypten. Welche Bewandtnis hat es mit den Folgen des 9. September 2001 und was ist der Unterschied zwischen islamischem Fundamentalismus und der Orthodoxie? Wie ist die Entstehungsgeschichte der Muslim-Brüder und welche Rolle spielen sie heute in der arabischen Welt? Letzteres spricht der Autor in verschiedenen Kapiteln an.

Die Demonstrationen in Ägypten auf dem Tahrir-Platz in Kairo beginnen nach dem Sturz Ben Alis. Verschiedene Gruppen hatten im Internet zu einem „Tag des Zorns“ aufgerufen. Der Nährboden dafür ist allgegenwärtig: rund 20 Millionen junger Ägypter zwischen 18 und 29 Jahren drängen auf den Arbeitsmarkt – ohne Chancen. Ihre Forderungen sind zunächst Freiheit und Arbeit, dann Reformen und Mubaraks Rücktritt. Das System Mubarak musste im Februar 2011 schließlich den modernen Pharao opfern. Doch Michael Lüders befürchtet, dass die Systeme weder in Ägypten noch in Tunesien völlig entmachtet sind, alte Seilschaften bestehen weiter und werden ihre Privilegien zu verteidigen wissen. – Das Gesetz der Serie einer friedlichen Revolution wurde allerdings mit dem Beispiel Ghaddafi unterbrochen. Libyen wurde zum Fanal der Gegenrevolution, dem andere Länder folgten – der Jemen, Bahrain und Syrien. Wer seine Macht nicht abgeben will, muss Krieg führen gegen das eigene Volk! Mit Unterstützung der Nato wurde die Ära Ghaddafi am 17. Februar 2011 beendet. In Bahrain hat die Gegenrevolution der Herrscherfamilie den Aufstand, der auch hier mit friedlichen Protesten begann, blutig niedergeschlagen. Michale Lüders sieht aber noch kein Ende des zugrunde liegenden Problems, die Diskriminierung der schiitischen Bevölkerungsmehrheit ist damit noch nicht gelöst. Zumal die Opposition vom Westen keine Unterstützung erwarten kann: Die Hauptstadt Manama ist Hauptquartier der 5. US-Flotte im Persischen Golf. Die USA drängen zwar auf Reformen, aber ein Regimewechsel käme ihnen ungelegen. Grund sind nicht nur wirtschaftliche Interessen – hier die Sicherung der Erdölvorkommen -, sondern auch der stetig wachsende Einfluss des Iran, der auch auf andere Golfstaaten bedrohlich wirkt.

In der Studie folgen Ausführungen zur Politik Saudi-Arabiens, das in der Region die Fäden zieht, auch im Jemen. - Der Israel-Faktor galt lange Zeit als Garant für die innenpolitische Legitimität des Assad-Clans in Syrien. Auch hier begannen Demonstrationen, zwar nicht in den Metropolen, sondern in der Provinz. Aber Baschir el-Assad gibt den Rebellen bis heute keine Chance.

Brennpunkt der Nahost-Politik und auch im vorliegenden Werk ist die Palästina-Frage, ein seit Jahrzehnten schwelender Krisenherd. Michael Lüders legt zu der Festellung, dass der Grund für das stete Scheitern der Friedensverhandlungen die anhaltende völkerrechtswidrige Siedlungspolitik Israels sei, bewegende Fakten dar: In Ost-Jerusalem, geplante Hauptstadt eines Palästinenserstaates, sind Araber seit l993 bereits in der Minderheit. Im Westjordanland wurden nicht nur 250 jüdische Siedlungen gebaut, sondern auch Industriegebiete und militärische Einrichtungen. Arabische Ortschaften - im eigenen Land! - werden mit Grenzmauern umgeben, das Ausmaß zeigt im Buch das Foto eines neu errichteten Teilstücks: „Dreimal so lang wie die Berliner Mauer…“

Und Michael Lüders hat eine Vision: Was wird geschehen, wenn in Zukunft Hunderttausende Palästinenser friedlich anrücken, um Grenzen und Mauern niederzureißen? Mit Menschenmassen hat die arabische Revolution eine Waffe entdeckt, die sich wirksamer als jede Intifada erweist. Sein Fazit: „Die Zeit arbeitet nicht für, sondern gegen einen jüdischen Staat, der Sicherheit mit Hegemonie verwechselt.“

Im Ausblick fragt der Autor „Was nun?“ und gibt eine Perspektive: „Niemand vermag die Zukunft der arabischen Revolution vorauszusagen. Die Entwicklung ist in vollem Gange, sie wird nicht einheitlich verlaufen, von vielen Rückschlägen und Widersprüchen begleitet sein…“ Wir alle können am Ende der Lektüre dieses spannenden und lehrreichen Buches nur hoffen, dass die Zukunft den arabischen Völkern einen friedvollen Weg bescheren möge, der zu stabilen demokratischen Staatsgebilden führt.

Helga Walter-Joswig
______

Michael Lüders

Tage des Zorns
Die arabische Revolution verändert die Welt
207 Seiten, in Leinen gebunden, mit 21 Abbildungen und 2 Karten
Verlag C.H.Beck, München 2011
€ 19.95

Image

 
< zurück   weiter >
© DAG am Mittwoch, 18. Oktober 2017
Powered by Joomla