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Michael Lüders: "Iran: Der falsche Krieg" PDF Drucken E-Mail

von Helga Walter-Joswig

Michael Lüders war lange Jahre Nahost-Korrespondent der Hamburger Wochenzeitung DIE ZEIT und zu Gast bei allen großen Fernseh- und Radiostationen im deutschsprachigen Raum. Im vergangenen Jahr veröffentlichte der gleiche Verlag sein Werk „Tage des Zorns. Die arabische Revolution verändert die Welt“, das wir hier besprochen haben.

„Zwei Dinge sind unendlich. Die menschliche Dummheit und das Universum. Bei letzterem bin ich mir allerdings nicht so sicher.“ Albert Einstein

Diese Worte, welche der Autor seinem Buch vorangesetzt hat, könnte man amüsiert zur Kenntnis nehmen, wenn sie nicht ein so extrem bedrohliches Szenario einleiten würden.

Kann wirklich nur ein Wunder den Irankrieg noch verhindern?, fragt sich Michael Lüders im Vorwort. Ein geplanter Waffengang seitens der „guten“ Seiten gegen die fanatischen Mullahs in Teheran stößt seltsamerweise kaum auf Widerspruch. Ist er doch profund als unvermeidlich erklärt. Seltsamerweise mit den gleichen Argumenten wie einst der Irakkrieg gerechtfertigt wurde. Wir erinnern uns, die Massenvernichtungswaffen Sadam Husseins wurden nie gefunden! Michael Lüders sieht in einem Angriff auf den Iran nicht nur einen „falschen Krieg“, sondern eine Katastrophe mit Auswirkungen, wie sie die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts über die Welt brachten.

Interessant ist die Anregung zu diesem Buch: Nach einer Fernsehdiskussion im Nachrichten- und Dokumentationssender „Phoenix“ erhielt der Autor zahlreiche Zuschriften, die ihm für seinen Mut dankten, Fakten wahrhaft auszuwerten…

Den Hauptteil führt das Kapitel „Im Fadenkreuz. Der Countdown läuft“ ein. Es wäre schon der dritte Krieg in wenigen Jahren, den westliche Staaten in den Mittleren Osten tragen. Erst nach Afghanistan, dann in den Irak und schließlich in den Iran. Und Michael Lüders fragt nach Reaktionen zu diesen „Fehlinvestitionen“ unsererseits. Selbstzweifel oder gar Überlegungen zu Konsequenzen für diese Angriffe bleiben aus. Er zeichnet ein Bild, wie der Westen Ahmedinedschad sieht, führt die Sanktionen gegen den Iran auf, schließlich den Boykott iranischen Erdöls und Erdgases im Januar 2012 und die Sperrung von Auslandskonten des Iran in westlichen Staaten. - Es folgen Beiträge zur Kernfrage „Krieg um die Bombe?“. Anschaulich zeigt eine Landkarte die wichtigsten Atomanlagen im Iran.

Das Kapitel „Nach dem Angriff – die Krisenregion zwischen Mittelmeer und Indien“ projiziert ein düsteres Bild, ein Szenario, das offensichtlich im Westen ignoriert, gar negiert wird. Der Irankrieg wird anders verlaufen als der gegen den Irak. Teheran ist gewarnt und hat sich gewappnet. Der Gegenschlag wird vermutlich in Guerillataktik geführt werden, mit Überraschungsangriffen und Terroranschlägen. Des Weiteren untersucht der Autor die Rolle der verschiedenen muslimischen Religionsgemeinschaften - Sunniten, Schiiten, Alewiten - und skizziert die Entwicklung in Afghanistan und Pakistan. Es ist keine Frage, wie sinnlos der Krieg am Hindukusch von Anfang an war.

Schließlich zieht Michael Lüders im letzten Kapitel „Israel und wir - Plädoyer für einen anderen Blick“ unverblümt das Resümee: „Der Irankrieg ist im Wesentlichen Israels Krieg. Damit wird er auch Deutschlands Krieg“. Das erläutert er schlüssig in den Abschnitten: „Frontstaat Deutschland?“, „Solidarität mit Israel“, „Die Macht der Geschichte“, „Der verpasste Frieden“, die völkerrechtswidrige Siedlungspolitik Israels angeprangernd, „Der Irankrieg und die Palästinafrage“, „Israel und die Interessen der USA“. In den letzten Zeilen stellt der Autor fest: „Israels Sonderstatus in der westlichen Politik beruht auf zwei Säulen: der Israel-Lobby in den USA und der Erinnerung an den Holocaust.… Israels größte Bedrohung geht eben nicht vom Iran aus, auch nicht von Arabern oder Palästinensern. Vielmehr liegt sie im Verlust liberaler und humanistischer Traditionen des Judentums, den schon Hannah Arendt mit Blick auf die Politik Israels beklagte.“

Der Anhang bietet eine Zeittafel zur modernen Geschichte des Iran und weiterführende Literatur mit interessanten Veröffentlichungen ab 2006. Das Titelbild des Buches zeigt ein Foto der US Navy: zwei amerikanische Flugzeugträger im Golf von Hormuz. Zum Einsatz bereit.

Fazit: Das Grauen des Zweiten Weltkriegs ist offenbar nach kaum einem Lebensalter in Vergessenheit geraten. Denn schon wieder planen Politiker einen Angriffskrieg und Deutschland will es, das heißt wird es gezwungenermaßen gutheißen. „Offenbar lernen wir nichts aus der Geschichte“ sind die Worte Michael Lüders’. - „Nie wieder Krieg!“ riefen sich 1945 die Überlebenden in zerstörten Städten zu, wenn sich wildfremde Menschen, über Trümmerberge steigend, in von schwarz verbrannten Fassaden umsäumten Straßenzügen begegneten. Das hat sich einer Kinderseele eingeprägt und so wünscht sich die Rezensentin, dass dieses Buch – ein Plädoyer par excellence gegen einen Irankrieg – ohne Verzug von den verantwortlichen Politikern gelesen werde. Auch ein sogenannter Präventivschlag kann unabsehbare Folgen auslösen. Das hat der Autor eindrucksvoll ausgeführt…

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Michael Lüders

Iran: Der falsche Krieg
Wie der Westen seine Zukunft verspielt

Verlag C. H. Beck, München 2012
175 Seiten mit 1 Grafik und 2 Karten
Klappenbroschur € 14,95
ISBN 978-3-406-64026-1

 
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