Islam an Hochschulen Berliner Dissens zwischen Verbänden und Professoren

Gemessen an der üblichen Langsamkeit, mit der sich große Institutionen, noch dazu mit jeweils eigener Tradition, bewegen, kommt das Reformprojekt "Islamische Studien" an staatlichen Universitäten erstaunlich rasch voran. Das Konzept des Wissenschaftsrates vom Januar dieses Jahres hat wie eine Initialzündung gewirkt. Was jahrelang schier unmöglich schien, wegen der Besonderheiten des Islam, oder am Starrsinn der Funktionäre des organisierten Islam und natürlich auch am Des- beziehungsweise Eigeninteresse vieler Hochschulen zu scheitern drohte, soll nun offensichtlich ganz schnell gehen.

Einigkeit jedoch herrscht vorerst nur darüber, dass der Ort, an dem sich die Wissenschaft vom Islam etablieren und entfalten soll, unbedingt die staatliche Universität sein muss. Nur dort, daran stoßen sich allenfalls Islamverbände, kann sie sich mit anderen Fächern austauschen, nur dort kann die Autonomie der Wissenschaft gewahrt und der Einfluss nichtstaatlicher Organisationen auf ein für Forschung und Lehre verträgliches Maß begrenzt werden. Den Pionieren dieser Entwicklung, etwa den kleinen Instituten an den Universitäten in Münster und Frankfurt und inzwischen auch in Paderborn, wurde jahrelang weder die Unterstützung und schon gar nicht die Aufmerksamkeit zuteil, die heute schon fast selbstverständlich erscheint.

Der Wissenschaftsrat und die Stiftung Mercator hatten jetzt Wissenschaftler und Kultusbeamte nach Berlin geladen, um über die Herausforderung zu streiten, vor die sich die Theologie heute gestellt sieht, insbesondere natürlich eine islamische Theologie. Denn anders als die christlichen Theologien und jüdischen Studien sind "Islamische Studien" noch kein fester Bestandteil unserer Bildungstradition, und wenn sie es denn werden sollen, braucht es nicht nur freundlichen Zuspruch und Geld, sondern vor allem akademische Professionalität.

Die Bundesregierung hat finanzielle Unterstützung versprochen, nach welchen Standards das Geld zu vergeben wäre, ist allerdings noch reichlich nebulös. Die Einlassung eines Ministerialbeamten aus Nordrhein-Westfalen, Deutschland gehe hier einen anderen Weg als die Niederlande - er zitierte einen Spruch von Geert Wilders zum Islam als Ideologie -, zeugte nur von großer Unkenntnis über das Niveau an einigen niederländischen Universitäten gerade in diesem Fach. Hierzulande besteht jetzt die Gefahr, dass mit viel Geld vom Staat allzu schnell zusammengeschustert wird, was jahrelang vernachlässigt wurde. So bemüht sich die Universität Osnabrück sehr, ihre Ausbildung von islamischen Religionslehrern auszubauen, zumal ein solches Studium, soll es dem für evangelische oder katholische Religionslehrer ebenbürtig sein, ohne Theologie und die ganze Bandbreite religiösen Denkens unvollkommen bleibt. Doch fehlen in Osnabrück die Bezugswissenschaften, wie sie etwa die Universität Münster vorhält und mit ihrem Exzellenzcluster "Religion und Politik in den Kulturen der Vormoderne und Moderne" ergänzt.

Fachpersonal für Islamische Studien auf europäisch universitärem Niveau ist sehr knapp. Die Universität Paderborn hat darum vor kurzem begonnen, sich die jungen Wissenschaftler selbst heranzuziehen. Zwei begabte junge Musliminnen mit einem Magisterabschluss in der Islamwissenschaft und mit theologischen Vorkenntnissen bereiten sich dort am Zentrum für Komparative Theologie (Institut für katholische Theologie) auf ihre Promotion vor; wenn alles gutgeht, wären sie in einigen Jahren Kandidatinnen für Juniorprofessuren. Auch Paderborn will die Zeitlücke überbrücken, doch eben zweigleisig: mit der Ausbildung eigenen Nachwuchses und Gastprofessuren. Unterstützt wird das Projekt von der Mercator-Stiftung.

Unklar ist immer noch, wer über Lehrpläne und Lehrpersonal mit entscheiden darf und vor allem, wer besser nicht. Erfreulich, dass sich endlich angesehene Wissenschaftler wie Reinhard Schulze (Universität Bern) deutlich und öffentlich zur Rolle sogenannter Beiräte äußern. Schulze vertritt mit anderen die Auffassung, dass Dachverbände namens ihrer Moscheegemeinden zwar mitzureden haben beim Religionsunterricht. Doch die Islamische Theologie wirke als Wissenschaft nicht direkt in diese Gemeinden hinein. In die Fachbeiräte, sollte es sie demnächst geben, gehörten Fachleute mit entsprechender wissenschaftlicher Kompetenz. Der Islamwissenschaftler weiß um die Furcht der wenigen islamischen Theologen, die es derzeit gibt, vor Interventionen der Verbände, und warnte in Berlin davor, ihnen zu viel Einfluss zuzugestehen. Die Forschung, die Islamische Theologie, könnte sonst disqualifiziert werden.

Natürlich gefällt das orthodoxen Islamverbänden nicht, denen die Freiheit der Forschung und eine autonome Universität wohl ewig suspekt bleiben werden. Die Spitzenfunktionäre wetterten gegen die "nichtorganisierten" Muslime, deren religiösem Selbstverständnis die Wissenschaft ihrer Ansicht nach zu viel Gehör schenke, und sie beklagten routiniert ihr gefühltes Anerkennungsdefizit. Das zu lindern vermochten weder all die Wissenschaftler, die ihnen doch geduldig zuhörten, noch Bundesinnenminister Thomas de Maizière mit seinem freundlichen Grußwort.   Regina Mönch

Text: F.A.Z., 23.06.2010, Nr. 142 / Seite N5